Wie weit und wo wir sind…

Die Kulisse stimmt

Wir haben das erste Wochenende in unserem definitiven Haus bereits hinter uns. Noch ist nicht alles eingerichtet, bei Weitem nicht – und das trotz Kathrin’s Vollzeitbeschäftigung mit Handwerkern und Maklern. Aber unsere Möbel stehen drin, wir haben in einer Parforceleistung heute trotz 32 Grad Bilder aufgehängt (ehrlicherweise ist man bei den Temperaturen eh lieber drinnen). Ab morgen wohnt im Nebengebäude auch noch Steven, ein Malawier, der für uns arbeiten wird.

Die Auswahl zwischen Steven und dem zweiten Bewerber Richard (auch ein Malawier, alle, auch schwarze Südafrikaner, empfehlen Malawier weil sie freundlicher, fröhlicher und zuverlässiger seien, und nie betrunken) fiel uns schwer: So viele Leute haben eine Arbeit nötig, Steven zB hat bei uns geklingelt als wir einzogen. Man kriegt auch an der Ampel immer mal wieder einen Zettel zugesteckt mit der dringenden Bitte nach Arbeit.

Wir tun uns noch etwas schwer mit dem Gedanken an Steven ums und v.a. Im Haus; aber der Garten kann viel Arbeit gebrauchen. Schon am Testtag hat Steven eine Schlange ausgegraben, wohl nicht die schwarze Mamba die er vermutet hat sondern nur eine braune Hausschlange (auch giftig, aber nicht tödlich). Da wird’s in den entfernteren Ecken des Garten’s wohl noch wilder zugehen.

Alle freuen sich auf die Tiere, die sichtliche Vorfreude auf Tiere (und Erfahrung mit Geissen) war’s übrigens auch, was am Ende neben der grösseren Mitteilsamkeit für Steven sprach. Er hat auch Kinder, zu Hause in Malawi, und freut sich an unseren Kindern. Durch unsere Anstellung hat er auch wieder das Geld, seine eigenen Kinder in die Schule zu schicken.

Welche Tiere wir haben werden ist noch unklar, ausser, dass wir für den Aussenzaun zur Strasse wohl ein paar Gänse möchten (so wie alle Nachbarn kläffende Hunde, dass wollen wir eher nicht). Das ist dann vorläufig die zweite Sicherheitsstufe, nach dem Zaun (den wir noch um Stacheldraht ergänzen möchten) und vor der Aussenalarmanlage (die kommt am Donnerstag, zusammen mit „Panic Button’s“). Im Moment haben wir nur die Schlösser, Riegel, Gitter der Fenster und Türen und drinnen eine Alarmanlage. Bis die äussere Anlage steht schlafen wir einfach alle oben.

Die ganzen Sicherheitsgeschichten tönen etwas martialisch und haben uns zugegebenermassen einige schlaflose Stunden verschafft. Auch die allererste Nacht im Haus war etwas kribbelig, aber man gewöhnt sich dran. Das Haus selber entschädigt ja auch dafür, wir haben viel grössere Räume als am Beaumontweg, viel viel mehr Licht und eine Aussicht auf Tafelberg(e), Meer und wilde Steilküsten, ziemlich wie auf einer Postkarte. Als es das erste Mal dunkel war haben wir auch gemerkt, dass der 20km entfernte Leuchtturm in schöner Regelmässigkeit 4x ins Zimmer blinkt. Sonst ist es sehr dunkel in Hout Bay, nur die Kette des Tafelbergs leuchtet vom Hintergrundlicht des grossen Kapstadts in der Ferne.

Dank der sommerlichen Hitze brauchen wir den Pool mehrmals täglich, Moritz rettet Tiere am Laufmeter vor dem Vertrinken und Matti hat gelernt, mit Flügeli und Taucherbrille zu tauchen. Nina war auch kurz im Wasser, aber ist im Moment hauptsächlich damit beschäftigt, den letzten Harry Potter zu lesen. Schwaderen im Pool macht allen Spass, an der Schule scheint’s beim Schwimmen deutlich kompetitiver (und germanischer) zuzugehen und Mich musste Nina und Moritz erklären, dass er auch nie crawlen konnte und den Delphin gar nicht erst probiert habe. So gingen sie dann immerhin etwas beruhigt heute wieder in die Turnstunde, die eben auch im Schwimmbecken stattfindet.

Wir sind auch froh, endlich wieder selber zu kochen. Das haben wir praktisch aufgegeben in den letzten Wochen: Zuviel war Kathrin unterwegs für irgendwelche Besorgungen und zwischen Wohung und Haus, und zu billig ist Take Out oder auch auswärts essen. Wir kommen zu fünft mit 20 Fr. gut durch dabei. Im Moment kämpft Kathrin allerdings mit einer Magen-Darm-Sache; wir geben die Schuld hoffnungsvoll dem ready-made Salat und verdrängen den Gedanken an eine vollwertige Grippe die auch noch andere treffen könnte.

Wegen der ganzen Einrichterei waren wir weniger am Entdecken die letzten beiden Wochen; gestern aber dann doch noch kurz am Strand von Llandundo, grad bei uns über den Hügel. Hammer, aber da direkt am Atlantik auch wirklich kalt. Und mit den Strömungen ist nicht zu spassen, uns macht das deutlich mehr Angst als die Haie. Wieder einmal haben wir aber gemerkt, dass früh aufstehen besser wäre: Ab Mittag wird die Sonne so brutal intensiv, dass es für mehr als eine kurze Zeit am schattenlosen Strand nicht reicht, trotz Schutzfaktor 50. Mich tut sich noch schwer damit, aber der Rest der Familie zieht die Wochenroutine – wir stehen 6.15 auf wenn Schule und Kindergarten ist – auch am Wochenende durch.

Den Kindern gefällts in der Schule und im Kindergarten, nur das mit dem Englisch macht ihnen noch zu schaffen. So war Mich bei Moritz‘ ersten Fussballtraining und Nina’s erster Geigenstunde jeweils voll dabei. Besonders die Geigenstunde war lehrreich für Mich als Musikbanause, die Lehrerin – Bulgarin, Mitte 50, klein und rund mit kurzem rotem Haar und Strohhut – muss ihr Vorbild in einer Karikatur gefunden haben. Die Kinder kugeln sich vor Lachen wenn wir ihr „Eeeexcellent, NIIIna, SOOO biutifuuuuhl!“ nachmachen. Die ganze Stunde hat sie an Nina’s Fingern und Armen rumgeknetet und ausgerichtet – man konnte Nina ansehen, dass ihr das etwas komisch reinkam.

Jedenfalls sind wir froh, wenn die Schulverpflichtungen weniger werden, und die Arbeitstage länger. Immer stehen noch an: ein lokales Konto, ein Telephonanschluss (sollte auch diese Woche klappen, wobei Erfahrung zeigt dass es erst klappt wenn’s geklappt hat) und der Kauf von Autos an (dazu muss allerdings erst unsere Steuersituation geklärt werden). All das war ohne festen Wohnsitz eh nicht möglich, und musste in den Tagen seit Vertragsabschluss hinter Praktikalitäten wie Waschmaschine kaufen, Schuluniformen organisieren, Schlüssel nachmachen, Gärtnerservice organisieren, Poolunterhalt usw. hintenanstehen. Erst nachher kommt dann wohl das Inbetriebnehmen der Velos, obwohl Mich seit heute ein Ziel hat: Am 11. März möchte er am Cape Argus, mit 35’000 Teilnehmern das grösste gestoppte Radrennen der Welt, teilnehmen. 109 km, rund um den Tafelberg und durch unseren Wohnort Hout Bay. Und dann sind schon bald Herbstferien die geplant sein wollen.

Dazwischen arbeitet Mich auch, er ist in einer sehr motivierenden Bürogemeinschaft und ausser IT-Problemen aller Art sehr zufrieden dort. Dass Mich morgens mit Nina und Moritz autofahren muss geniessen die drei sogar – der Morgen war bisher v.a. Stressig und die Fahrt bringt etwas Ruhe. Letzte Woche war Mich in Johannesburg, und er wird wohl auch nächste Woche wieder dort sein. Die wirtschaftliche Aktivität teilt sich sehr zwischen diesen beiden Metropolen auf – aber ausnahmslos alle sagen, dass Kapstadt die bessere Wahl gewesen ist bezüglich Wohnort. Auf dem Rückflug „durfte“ er neben einer FETTEN afrikanischen Mama sitzen die bestimmt dreiviertel auch seines Sitzes brauchte. Dafür hat sie ihn zwei Stunden lang zugetextet und ein Meeting mit dem südafrikanischen und südsudanesischen Agrarminister versprochen. Tatsächlich zeigt Google, dass die Dame auch politisch ein Schwergewicht ist im ANC – und daneben auch noch ein paar pikante Details, wie sie sich durch die Black Economic Empowerment Regeln vom Strassenkind zur erfolgreichen Geschäftsfrau gemausert hat. Das ist ein ewiges Spannungsfeld: Einfluss und Erfolg durch politische Bevorteilung aus Gründen der Hautfarbe. Wenn man die Verteilung des Reichtums sieht erstaunt es aber nicht, dass der ANC für diese Art der politischen Bevorteilung anfällig ist.

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3 Antworten zu Wie weit und wo wir sind…

  1. Lisa sagt:

    Hey Schlup Five’s, schön dass es euch gut geht!
    Während ihr euch in den Schatten flüchtet, erwarten wir ab Donnerstag die russische Kältewelle mit Höchsttemperaturen von -6°C… und sehnen uns nach Wärme!!! Der Schnee liegt bereits.
    kühlende Grüsse (nicht kühle;)
    Moser5

  2. Markus N. sagt:

    Danke für die spannenden Einblicke in euren Noch-nicht-Alltag. Wirkt ja ziemlich kulturgeschockt, gemessen daran, dass ihr nicht eben zum ersten Mal im Ausland seid. Wünsche euch weiterhin einen guten Start – die „gute Hoffnung“ ist ja nicht weit…!
    LG, Markus

  3. Moni sagt:

    Ich will auch !!!! … Bitte, bitte, teilt noch mehr mit uns🙂

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