Fairness@work

In Südafrika werden mir an jedem Rotlicht kleine Zettel mit Namen, Kompetenzen und Telefonnummern von Arbeitssuchenden durchs Fenster gereicht. Bei fast 40% Arbeitslosigkeit erstaunt es nicht, dass jeder etwas verdienen möchte, muss. Die meisten finden auch immer wieder eine Beschäftigung, für einen halben oder einen ganzen Tag, eine Woche. Der gesetzlich festgeschriebene Mindestlohn liegt bei etwa einem Franken pro Stunde, anders als in der Schweiz ist hier das Material teurer als die Arbeit.

Seit dieser Woche lebt und arbeitet Steven bei uns, er kommt aus Malawi und ist in Südafrika, um das Schulgeld für seine drei Kinder zu verdienen. Wir haben viel Spass zusammen, wenn wir voneinander lernen: ich übe mich in Geduld und genauen Anweisungen (wie schnallt man sich im Auto an, wie funktioniert ein Elektrobohrer, was macht die Abwaschmaschine?), und Steven will lernen, wie alles bei uns funktioniert, damit er in späteren Anstellungen deutlich mehr Kompetenzen vorzeigen kann.

Der Anstellungsprozess hat uns sehr nachdenklich gestimmt: wie geht man um mit der Situation, dass jede/r per sofort für uns arbeiten möchte oder jemanden kennt, der sich bestens eignen würde? Wir sind als erstes der Empfehlung all unserer südafrikanischen Bekannten gefolgt, einen Malawier einzustellen. Es heisst, Malawier sind tüchtige Arbeiter, immer freundlich, bescheiden und trinken nicht (will heissen: im Gegensatz zu den einheimischen Xhosa-Männern). Wo liegt die Grenze zwischen Diskrimination und Risikominderung? Spielt es eine Rolle, ob wir einen Südafrikaner oder einen der ca. 20 Millionen Immigranten einstellen? Und überhaupt, Frau oder Mann?

Zwei Männer aus Malawi hatten sich bei uns beworben; Steven stand während dem Einzug bei uns am Gartentor und fragte nach Arbeit, Richard wurde uns vom Angestellten eines Arbeitskollegen empfohlen.

Wir wollten den Auswahlprozess fair gestalten und beide einen Tag lang arbeiten lassen – und dann entscheiden, wer uns besser im Alltag unterstützen kann. Aber wie (er)findet man Fairness bei schier unermesslicher Ungleichheit? Beide haben tüchtig gearbeitet, sie waren freundlich, bescheiden und haben nicht getrunken. Beide haben Kinder und eine Frau zu Hause, die unterstützt werden müssen. Wir hätten das Geld, beide anzustellen, aber nicht die Arbeit, um sie zu beschäftigen. Wir haben zwei Menschen kennengelernt, bei denen wir zumindest in der nahen Zukunft einen riesigen Einfluss auf Einkommen, Schulbildung der Kinder und Altervorsorge haben. Stellvertretend für all die Zettelverteiler an der Ampel.

Wir haben uns für Steven entschieden, weil er mitteilsamer ist als Richard, weil er unserer Neugier auf Afrika vielleicht eher entgegenkommt. Wäre es fairer gewesen, nur einen Bewerber zuzulassen, keinem zweiten Hoffnungen zu machen? Oder hiesse das nur, es uns selbst einfacher zu machen?

Strandgut

P.S.: Wer gerne Fotos von uns anschauen möchte, kann sich gerne bei mir melden: kathrin.schlup@gmx.net. Ich schicke euch dann den Zugang zum Account.

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