Cape Town Commute

Eine der häufigsten Bemerkungen zur Antwort auf die Frage wo wir wohnen ist, dass wir wohl eine der schönsten Pendelstrecken Südafrikas hätten.

Und tatsächlich, die Strasse von Hout Bay ins Zentrum von Kapstadt, zwischen Küste und Tafelberg, ist sehr schön und auch für Besucher Kapstadts eines der touristischen Highlights. Unsere Strecke erlaubt es uns, die riesigen Staus in und aus dem Zentrum, mit denen sich hier so manche herumschlagen zu vermeiden: Es gibt Schulfreunde von Nina und Moritz, die gehen um 6 Uhr auf den Bus um um 8 in der Schule zu sein. Eindrücklich auch wenn man berücksichtigt, wie viel weitläufiger Kapstadt ist als eine europäische Stadt.

Nun ist es nicht so, dass es keinen Verkehr hat auf unserer Strecke am Morgen, ob wir 7.17, 7.19 oder 7.21 losfahren macht schon einen riesigen Unterschied auf die gesamte Fahrzeit. So sitzen wir drei, die wir in diese Richtung fahren, nach hektischen letzten Minuten zu Hause jeweils erschöpft im Auto und betrachten die Landschaft. Während wir uns der Küste entlang im immer dichteren Verkehr treiben lassen schauen wir auf die Berge, das Meer – erstaunlich wie viele Wörter es gibt für verschiedene Arten Wellen – und die Schiffe am Horizont, immer mit Scharen ausschliesslich weisser Jogger und Rennvelofahrer im Vordergrund, die sich entlang der verkehrsreichen Strasse drängen.

Zwanzig Minuten nach der Abfahrt sind die Kinder ausgeladen und ich suche mir einen täglich neuen Schleichweg ins Büro.

Auf dem Heimweg bin ich alleine, und wenn ich erst mal aus dem Zentrum bin fahre ich durch den noblen Vorort Camps Bay, wo die untergehende Sonne die atemberaubende Landschaft vom Morgen nun in weiches, oranges Licht taucht. Die gleiche Sonne scheint auch auf lange Schlangen von schwarzen Hausangestellten, die auf ein Taxi oder eine Mitfahrgelegenheit in Hout Bay’s Township Imizamo Yethu hoffen – sie ersetzen die sportlichen Weissen vom Morgen. Noch nie habe ich gesehen, wie eines der meist einzelbesetzten Autos jemanden einlädt, der Preis, den die Angst,die aus Geschichten von Entführungen, Diebstahl und „Smash-and-Dash“-Raubüberfällen fordert.

Es beschäftigt mich sehr, diese erschöpften Gesichter der Leute entlang der Strasse zu sehen, wie sie sorgfältig den Blickkontakt vermeiden in Vorwegnahme der Enttäuschung durch jeden in Greifnähe und im Schritttempo vorbeifahrenden Wagen, und die Anstrengung in den Gesichtern aus dem Effort, gefasst zu bleiben und etwas Stolz zu bewahren. Es ist äusserst unangenehm selber geradeauszuschauen und ihre Präsenz zu ignorieren um nicht „Nein“ sagen zu müssen. Was das wohl bewirkt im Bild, das sich diese hartarbeitenden Autostopper von uns Weissen in den teuren Autos machen? Und was für eine Verschwendung wertvoller Zeit, dieses Warten auf eine Transportgelegenheit…

Nachdem ich mich bei Kollegen erkundigt habe, nehme ich seit einigen Tagen nun die Frauen unter den Wartenden mit, das gilt allgemein als sicher – zwischendurch quetscht sich dann auch mal ein Mann auf die Rückbank, unaufgefordert. Mit voller Ladung bin ich zwar langsamer zurück in Hout Bay als alleine, aber wenigstens macht die Fahrt für mich so mehr Sinn als nur nach Hause zu kommen. Meine Passagiere sind dankbar, aber entweder zu scheu oder einfach zu erschöpft zum Reden, so dass nur beschränkt etwas zur Überbrückung der Barriere zwischen schwarz und weiss geschieht, die mir die landschaftlichen Schönheiten manchmal vergällt. Aber wenigstens mache ich das Leben einiger Weniger leichter, indem ich sie schneller und gratis nach Hause bringe. Und das ist immerhin ein Anfang.

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