“Born poor, die poor; born rich, die rich”,

erklärte mir Steven am späteren  Sonntagabend, nach ein paar Bieren, die er mit seinen malawischen Freunden genossen hatte. “You know, I will never steal from you, it is not in me, God is my witness, if something is missing, it was not me.”  Das war die Einleitung zu einer Geschichte, die ihn sehr beschäftigt: letzte Woche hat Priscilla, unsere Putzfrau, offenbar in meiner Abwesenheit während der Pause unsere Butter auf ihr Pausenbrot gestrichen, unter den Augen von Steven. “That is why foreigners employ Malawians, not South Africans”, schloss er die Erzählung und nahm mir das Versprechen ab, Priscilla nicht darauf anzusprechen.

“Born poor, die poor; born rich, die rich”, ist das die Lebenserfahrung von Steven? Oder wird man mit der Sonntagspredigt darauf vorbereitet, arm zu bleiben?  Wenn man den Korrputionsskandalen, welche die hiesige neu- und altreiche Cervelatprominenz umgeben, glaubt – und das fällt nicht schwer – sind bis jetzt die wenigsten auf ehrliche Weise reich geworden – kein gutes Vorbild in öffentlicher Sicht.  Uns Reichgeborene lässt diese Lebenshaltung mit der Schweiz, mit uns selbst hadern: Jahrzehntelang machte es uns wenig aus, mit dem Apartheids-Regime Südafrikas blühenden Handel zu treiben; steuerflüchtige Gelder integrieren wir lieber als Immigranten, eine Umverteilung durch Erbschaftssteuern finden viele überflüssig, unser Reichtum geht auch heute noch Hand in Hand mit der Armut hier. Einer unserer Handwerker erzählte mir, seine Schwester wohne in der Schweiz. Ein wunderschönes Land, meinte er, für viele Menschen da habe er leider nur ein Wort: selbstgerecht.

Am Montag bat dann Steven nochmals um ein (nüchternes) Gespräch und erklärte mir seine Sorgen genauer. Einerseits bat er um eine Klärung der Hierarchie – was mir wieder einmal zeigt, wie schwierig das Leben als Immigrant ist. Zwischen ihm und Priscilla kommt da einiges durcheinander: Als Mann ist er es eher gewohnt, Frauen vorgesetzt zu sein. Priscilla ist aber eine Xhosa,  in Hout Bay geboren und damit im Alltag klar besser gestellt als er. Steven wohnt wiederum bei uns, das heisst er ist der Gastgeber und lädt Priscilla in der Pause jeweils zum Tee ein.

Andererseits dürfe ich Priscilla auf keinen Fall erzählen, dass er mich auf den Butterklau aufmerksam gemacht habe, ihre Freunde kämen, um ihn zu töten, falls ich sie davonjage. Und jetzt bin ich an der Reihe, eine Lösung wird erwartet – oder vielleicht auch nicht? Vom Hörensagen weiss ich von diesem Mundraub, den ich selbst nie bemerkt hätte. Steven möchte, dass ich darüber unterrichtet bin, will aber keinesfalls, dass ich etwas unternehme. Für ihn ist die Geschichte damit erledigt.

Vertraue ich Priscilla nun weniger? Muss ich meine Tasche wegräumen, den Schmuck einschliessen? Wird in Zukunft etwas fehlen, das wir bemerken?  Wie wahr sind Stevens Befürchtungen? Ist die ganze Geschichte erfunden, um mein Vertrauen in Steven zu stärken?  Habe ich eine Botschaft der Geschichte falsch gedeutet?

Mir bleibt nur zweierlei: mit Priscilla führe ich ein Gespräch über Vertrauen, und – im Beisein von Steven – biete ich ihr an, ihr Pausenbrot mit unserer Butter zu bestreichen. Denn auch nach dem Überschlafen vertraue ich beiden.

Literaturtipp dazu: “July’s people”, von Nadine Gordimer.

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Eine Antwort zu “Born poor, die poor; born rich, die rich”,

  1. Kaspar Eigenmann sagt:

    Sehr interessante Beobachtungen und Ueberlegungen. Heute gabs in der NZZ auch einen Arktikel zum Thema “Born poor, die poor; born rich, die rich”: http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/der_amerikanische_traum_ist_intakt_1.15323003.html, mit interessantem Zahlenmaterial zu den USA. Man muss ja nicht mit allen Schlussfolgerungen einig gehen.

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