Heimweh macht sentimental.

Bittersüss wie das Lied von Stepan Eicher, das ich zu Hause nie gespielt hätte. Manchmal, wenn Mani Matter für die Kinder singt, ist es Heimweh in eine andere Zeit, ein Damals vom Hörensagen. Mit Aloan  vermisse ich das andere Ich, das selbstbewusste, das sich im Alltag zurechtfand, auch wusste, wann es mal Zeit war, laut zu werden, sich zu zeigen. Züri West bringt den vertrauten Dialekt ins Ohr – Baby Jail, Steff la Cheffe, Stahlbergerheuss, TNT und  Gustav wohnen in der CD-WG meines Autos. Alte Freunde wie Lou Reed, die Young Gods und Nick Cave warten zum Glück geduldig, bis ich mich wieder gefunden habe. Nur die Cowboys Fringants lässt mein Ohr gelten – auch das Französische vermisse ich.

Ich mag nicht Latte schlürfen. Ich mag nicht rennen und nicht schwimmen. Ich mag den Strand nicht, nicht die Aussicht, nicht die Ruhe, die Zeit zum Schreiben. Mit Heimweh suche ich Tätigkeit, will ich gebraucht werden, brauche ich einen Grund, weshalb ich hier bin.

Ich gehe keiner geregelten Arbeit nach, tue, was der Tag von mir verlangt, und gestalte den Rest nach meinen Bedürfnissen. Diese zu erkennen, fällt mir schwer. Ich könnte lesen, spazieren, malen, telefonieren, nichts tun; oder Vögel, die Kapflora kennen lernen – ein ungeduldiger Stachel sitzt in der Lähmung und hetzt mich von einem Ämtli zum nächsten, wohl wissend, dass ich nur Stunden fülle. Die Sorge, es könnte nicht alles erledigt sein, die Zeit würde nicht reichen – welches Ich spielt mir das vor?

Entscheiden, organisieren und überwachen, davon katern die inneren Muskeln. Ich bestimme, wo das Gemüsebeet angelegt wird, ich beschaffe genügend Bauholz für das Tor zum Schafpferch, ich kontrolliere das Versorgen der sauberen Wäsche. Anpflanzen, bohren, schrauben, bügeln tut ein anderer. Die Tür zum goldenen Käfig ist weit offen; hälftig aus Konvention, hälftig aus Verunsicherung geflochten. Die Aufgabe der altmodischen Gesellschafterin bekommt wieder Sinn, die Einsamkeit ungeteilter Erlebnisse lässt Biel und das Haus am Beaumont in unbescheidenem Glanz erstrahlen.

Zum Glück macht Heimweh auch rebellisch. Gegen die Schweiz, natürlich, aber auch gegen die Ungerechtigkeit, die Ungleichheit; gegen den eigenen Stillstand. Es treibt mich an, auch hier ein Selbstverständnis zu entwickeln, ein Daheim zu finden. Die Tür zum Käfig schlage ich gerne und laut zu; ich wühle in der Erde, stecke einen Zaun und erkoche mir Poulet mit Süsskartoffeln – und ich schreibe.

Und ich werde mir Kollegen suchen; Menschen, die für ähnliche Dinge Engagement aufbringen, die sich begeistern, die selber denken. Euch Freunde vermisse ich zwar; aber ich denke mir eure Geduld und freue mich auf eure Gesellschaft, sehr, hier oder in der Schweiz. Und mit dem Hier und Jetzt versöhne ich mich bei Nonna Lina, das sardische Essen  macht Trunken vor Glück, das Heimweh nach Europa nur noch süss und würzig wie der Merlot.

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3 Antworten zu Heimweh macht sentimental.

  1. Moni sagt:

    Suhlen im Selbstmitleid? Oder doch komplett falsch verstanden? Wer schreibt denn da? Aber nicht etwa, die, die ich zu kennen dachte?
    Geniesse bewusst die von dir beschriebenen Gefühle. Nur starke Gefühle lassen Erinnerungen zu.
    Moni

  2. Kathrin sagt:

    Liebe Moni – keine Angst – Selbstmitleid gehört zum letzten, was ich in einem öffentlichen Blog teilen möchte🙂. Aber doch will ich ehrlich rapportieren, wie es mir, uns, hier geht und auch beim Schreiben nicht nur die Highlights reflektieren. Beim schaffen eines neuen Heims gehört für mich eine gesunde Portion Heimweh dazu – wir sind ja keine Touristen hier. Zwei neue Posts hab ich schon im Güegi, da sind dann wieder andere Themen im Vordergrund.
    Herzlichst, Kathrin

  3. Thomas sagt:

    Hallo Kathrin

    eigentlich schön, Dich auch von einer anderen, verletzlichen Seite kennenzulernen (auch wenn ich natürlich weiss, dass Du diese hast). Aber trotz allem: kann das, was Du schreibst, auch aus der Ferne in Basel gut nachvollziehen, denke aber, dass genau solche Gefühle dazugehören, um eine bislang fremde „Heimat“ zu einer „nahen, nicht fremden“ Heimat werden zu lassen.

    Jedenfalls: viel Glück und einen ganz lieben Gruss mit dicken Schmutz an mein Göttimaitli.,,, und einen ebensolchen von L. an Ihren Götti….

    Bis bald, freue mich immer von Dir/Euch zu lesen.

    Thomas

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