Alltagspralinen

Gianduja

Llandudno – schönste Strandsichel. Weisser, feiner Sand, runde rostige Felsen, Palmen im Wind; der überbaute Hang von gepflegter Unscheinbarkeit, die Häuser ziehen sich elegant zurück. Surfer in blauen Wellen, Sonnenbadende einladend verteilt; an der Grenze zum Busch ein Fotoshooting mit viel Haut, brillentragenden Direktoren und bärtigen Kameramännern, die Hose unter dem Gesäss. Matti verteilt Sonnencrème Marke “feuchter Sand” auf meinen Armen, der sandstrahlende Wind pflegt mir eine glatte, matte Haut und füllt meine Ohren; lässt mich kaum dösen. Einzelne Sonnenstrahlen suchen Halt auf meinem Rücken, krallen sich fest und erhitzen mich langsam und unerbittlich. Spätsommer am Kap.

Coeur à l’orange

Seine Hände suchen bedächtig und mit System. Kartons werden geöffnet, Petflaschen geprüft, Deckel gehoben und zur Seite geschoben. Die grüne Trainerhose fleckenlos, das Hemd nur am Kragen zerschlissen, der Kopf unbedeckt. Die ruhigen Augen sind konzentriert bei der Arbeit, der Rücken nur leicht gebeugt über dem Mülleimer. “Sir?”, fragt eine hochgewachsene Frau. Sie überreicht ihm ein Paket mit dem Rest ihres Mittagessens. Gerührt vom Respekt der Anrede zwinge ich mich weiterzugehen, den Moment nicht durch Gaffen zu verletzen. Um die nächste Ecke schiebe ich den Einkaufswagen und frage mich, weshalb es mich Mut kostet, meine Resten mit Unbekannten zu teilen. Bis jetzt kriegt sie Bella.

Amandes de luxe

Im Central Business District schiebt sich Moritz’ Hand in meine, um die Strasse zu überqueren. Eine Erinnerung wird wach, führt mich zurück zur Highline in New York. Die plötzliche Berührung einer Hand in meiner, lockere Armpendel im Gegenverkehr. Nicht erschreckend, sondern warm und vertraut, zwei fremde Menschenhände erkennen sich als solche, ohne dass die Gesichter sich sehen müssen. Moritz lässt seine Hand in meiner, bis zum Auto.

Bâton Kirsch

Der Neopren-Anzug gibt mir eine zweite Haut; der seehundgraue Stoff lässt alle Kälte vergessen und schützt mich, hält meine Glieder angenehm elastisch in Form. Die Welle fange ich ein zwischen mir und dem Brett, klammere mich daran bis zum Strand. Der Vergleich mit dem Ritt ist nicht abwegig, es ist eine lebendige Kraft, die mich zieht. Die nächste Welle lässt mich anmutlos zappeln im schäumenden Wasser, Kelp an den Füssen. Die Physik der Wellen verstehe ich nur theoretisch; dankbar bin ich jeder, die mich mitnimmt.  Erhebendes Gefühl, den kurzen Moment mit einem Ozean zu teilen.

Truffe noir

Nina sieht mein Buch im Computer entstehen. Für Matti ist es mein Tagebuch. Moritz möchte, dass ich ihm die Geschichte erzähle. Michi braucht Geduld.  Ich stehe im Clinch mit einer Protagonistin, mal jammert sie zuviel, mal ist sie mir zu blöd. Ihr Gegenüber ist eine tolle Frau, doch wer will sich mit Übermenschen umgeben? Da braucht’s noch zünftige Arbeit, bald will ich mich mit den beiden versöhnen. Zum Glück gibt’s auch noch das echte Leben. Yeah!

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Eine Antwort zu Alltagspralinen

  1. moni sagt:

    das gefaellt mir sehr. danke fuer den guten start in den regnerischen tag.
    moni

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