Tausend-Wunder-Wald

„Es gab Schmetterlinge, so gross wie ein Sonnenschirm. Bunte Papageien turnten wie Akrobaten in den Zweigen. Zwischen den Blumen krabbelten grosse Schildkröten mit langen Schnurrbärten in ihren weisen Gesichtern, und auf den Blättern krochen rote und blaue Schnecken mit Häusern auf dem Rücken, die viele Stockwerke hatten und ganz ähnlich aussahen wie die Häuser in Ping mit ihren goldenen Dächern, nur natürlich in verkleinertem Massstab. Manchmal zeigten sich zierliche gestreifte Eichhörnchen, die so grosse Ohren hatten, dass sie tags damit in der Luft herumsegeln konnten, und nachts, wenn sie zu Bett gingen, wickelten sie sich hinein wie in eine warme Decke. Kupferglänzende Riesenschlangen ringelten sich um Bäumstämme. Sie waren aber ganz ungefährlich, weil sie nämlich an jedem Ende einen Kopf hatten und dadurch beständig in Meinungsverschiedenheiten mit sich selbst gerieten, wohin sie kriechen wollten. Dabei war natürlich nicht daran zu denken, dass sie jemals ein Tier fingen. Sie mussten sich eben von Gemüse ernähren, das nicht weglaufen konnte. Einmal sahen Jim und Lukas sogar eine Gruppe der scheuen, rosafarbenen Tanzrehe, die auf einer Waldlichtung miteinander tanzten.“

Schillernde Regenbogenvögel trinken Nektar aus farbigen Tannenzapfen und grosse Hühner mit Perlen im Gefieder schütteln ihre himmelblauen, behelmten Köpfe, wenn sie rufen – die Stimme ewig zornig.  Es gibt Kohlköpfe, die an Bäumen wachsen und sich von vorbeiziehenden Wolken ernähren. Andere Blumen öffnen sich nur, wenn die Sonne am höchsten steht – und wechseln täglich ihre Farbe. Knallrosa Lilien blühen ohne Blätter, die Stängel stehen im trockenen Staub. Gestreifte Pferde knabbern an immergrünen Büschen und laufen mit farbigen Böcken um die Wette. „Hadeda, Hadeda“, feuert sie ein grauer Vogel an – sein langer Schnabel kitzelt einen Schmetterling wach. Zusammen fliehen sie vor dem Feuer, das zwischen den trockenen Zweigen lebt und jeden Nachmittag vorangetrieben wird vom Wind, der in den Zweigen singt.

Unsere Streifzüge führen uns meist durch den Fynbos, der den weitaus grössten Teil der Kapflora ausmacht. Aus der Ferne scheint die olivgrüne Buschlandschaft öde und stark von Wind und Trockenheit geprägt; auf Wanderungen entdecken wir an jeder Wegbiegung neue Blüten und Schmetterlinge, Eidechsen und Vögel.

Die Kapflora (Kapensis) ist das kleinste Florenreich von insgesamt sechs weltweit. Allein auf der Kaphalbinsel gibt es mehr Pflanzenarten als in ganz Grossbritannien; zahlreiche davon wurden nach Europa importiert. Dazu gehören die Freesien, Schwertlilien, Geranien und Pelargonien. Fast siebzig Prozent der hier wachsenden Arten sind endemisch, das heisst sie wachsen nur hier und nirgendwo sonst auf der Welt. Brände stellen in der Kapensis eine Bereicherung der Ökologie dar, viele Pflanzen keimen erst nach einem Feuer.

Einen Gärtner fand der Tausend-Wunder-Wald in Kirstenbosch, dem botanischen Garten von Kapstadt. Von der mystisch anmutenden hundertjährigen Allee lässt sich leicht auf kleine Trampelpfade wechseln; vom heissen Steingarten ist es nie weit zum schattigen Bachbett – ein schönstes Fleckchen Erde!

(Dank an die Wikipedianer für die Blumenbilder – trotzdem nichts gefälscht, alles mit eigenen Augen gesehen!)

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