Tour de Cap

Sonntag, 7.38 – Cape Town CBD
Mit einem lauten “hoppala” geht die Rundfahrt los, zusammen mit 637 anderen in der Gruppe Z und mit über 20’000 anderen bereits auf der Strecke. Die Strassenschluchten – normalerweise den Autos vorbehalten – wabbern von sportlich gekleideten Radfahrern. Ich bin nervös.

Sonntag 7.47 – Hospital Hill
Der Blick geht weit, über den Hafen Kapstadts, die Cape Flats mit den Cape Winelands und ihren Bergen im Hintergrund hinüber zu den Ausläufern des Tafelbergs. Ein langer Tatzelwurm von Radfahrern windet sich die 6-spurige, komplett gesperrte Autobahn hinauf zum ersten Hügel. Es ist still im Feld – warum fahren die alle nur so langsam?

Sonntag 8.05 – Wynberg Hill
In den Southern Suburbs sind die Strassen gesäumt von Menschen aller Couleur. Schwarze Mamas, fette Afrikaaner, verschleierte Kapmalaiinnen und gestrenge Imame – alle feuern sie mich, uns an: “Come on – way to go” – “You can do it” – “well done, well done!”. Die Autobahn ist schattig, die Bäume gross, Kirstenbosch schon vorbei. Die ersten Gruppen formen sich und Windschatten wird fast so wichtig wie der Schutz vor der Sonne.

Sonntag 8.20 – Blue Route
Mit 60 km/h brettern wir dem Meer entgegen, Ablöse um Ablöse. Rechts die höchsten Berge der Halbinsel, die ältesten Weingüter Afrikas und der Pass nach Hout Bay, links die Townships mit immer kleineren Häusern und grösseren Gefängnissen. Zum Glück weht der Wind nur schwach hier in der Ebene. Ich werde mutig, die Beine wach.

Sonntag 8.50 – Boyes Drive
Hoch über dem Meer vorbei an Muizenberg, wo die Surfer vom Haibeobachter bewacht werden. Am Berg bin ich nicht zu schlagen, und werde von einem Kuhglocken-schwingenden Schweizer Trupp belohnt. In jeder Ortschaft ein Fest, Tausende säumen die Strassen für die Zehntausenden, die darauf fahren. In Stille mit Tempo durch diese Landschaft ist hypnotisierend.

Sonntag 9.15 – Simonstown
Ich breche ein. Diese Küstenstrasse ist zwar spektakulär, hat aber mehr Hügel als erwartet, und noch ist nicht die Hälfte der Strecke vorbei. 20m vor mir ein Massensturz. Ich fahre ab sofort mein eigenes Tempo, schnell genug, mich nicht vor den Pavianen fürchten zu müssen, aber dem vor mir liegenden Weg angepasst.

Sonntag, 09.45 – Cape Point National Park
Mit Rückenwind durch den Nationalpark, fast wie von selbst. Der Wendepunkt ist vorbei, vor mir liegt der Atlantik. Es ist jetzt richtig heiss. Am Strassenrand stehen keine Zuschauer sondern Park Rangers, und die Kinder aus den kleinen Townships sammeln Trinkflaschen ein. Aber niemand wirft Abfall weg. Die Beine melden sich mit einem kleinen Krampf, der Hintern schmerzt. Es geht heimwärts.

Sonntag 10.20 – Noordhoek
Kaum mehr Sicht. Nicht wegen dem Seenebel, der eben noch in den schattigsten Ecken dem Meer entlang Kühlung verschafft, sondern weil Hunderte an der Strasse grillen. Es geht auf Mittag zu, der Weg am 8 km langen Strand ist heiss aber flach. Wir bekommen Bananen geschenkt, und entlang dem Township von Noordhoeek halten Polizisten die begeisterte, anfeuernde Menschenmenge zurück. Tour de France feeling.

Sonntag 10.45 – Chapman’s Peak Road
Der steilste Aufstieg, der spektakulärste zugleich, in den Felsen gehauen. Zum Glück bin ich nicht später dran, weil dann ist die Strasse mit Fahrern so dicht, dass an Fahren nicht zu denken ist. Langsam – am Rande eines beidseitigen Oberschenkelkrampfs – rolle ich den Berg hinauf. Neben mir geht’s senkrecht ins Meer, das sich um uns nicht kümmert und brandet wie jeden Tag, wild und weiss.

Sonntag 11.20 – Hout Bay
Daheim, ein erstes Mal der Gedanke: Warum nicht aufgeben, in der Hitze in den Pool und den latenten Krampf verschwinden lassen? Aber im Ort ist Volksfest, und oben am Suikerbossie, dem letzten richtigen Hügel, wartet die Familie und spritzt mich nass. Jetzt überholt mich niemand mehr, alle sind müde.

Sonntag 11.38 – Victoria Road
Mein Arbeitsweg! Nur noch ein bisschen weiter. Kein Auge habe ich für die Wale, die man hier sehen könnte, nur ein halbes für die Frau, die mit dem Helikopter ins Spital muss nach einem wüsten Sturz, die Schönen und Reichen in Camps Bay verschwimmen vor meinen Augen. Jetzt nur nicht noch einen Krampf.

Sonntag 11.53 – Greenpoint Stadium
Geschafft. Wie ein Wal taucht das WM-Stadion auf, nochmals Hunderte von ermunternden Zurufen und dann eine Medallie. Ich stehe da, nach 120km und 1000 Höhenmetern in 4:15 Stunden. 25.8 km/h im Schnitt, ohne Training. Kein Wunder kann ich nur stehen: Jeder Schritt führt zu einem Krampf. Aber ohne Autos ist das eine der besten Rundfahrten der Welt. Und immerhin: Rang 11’296 von 31’331 Teilnehmern – Ziel erreicht.

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4 Antworten zu Tour de Cap

  1. Moni sagt:

    Bist du verrückt???? Untrainiert an solch eine Folter-Veranstaltung? Wie lange konntest du anschliessend nicht mehr richtig laufen? Ich bringe ja auf dem Hometrainer knapp 24km/h während 20′ fertig …
    Congrats!

  2. michschlup sagt:

    Ehrlich gesagt war langfristig das Sitzen das grössere Problem …

  3. Lisa sagt:

    hey hey, gratuliere! ich zieh den Hut vor diesem Mut- ohne Training..tsts, aber dann spürt man mal wieder die eigenen Grenzen gell!? Hier in der Schweiz würde man bei den heutigen Temperaturen sagen, du spürst den Frühling…;)

  4. Dänu sagt:

    Bravo!! Kann auf kleiner Flamme mitfühlen, habe nach zwei durch den Singapore-Aufenthalt verpassten Saisons und somit fast 2.5 Jahren ohne ernsthafte Kilometer letztes Wochenende Saisoneröffnung gehabt…
    Gruss an die Family!

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