Enjoy!

Drive!

Es ist ruhig im Auto, das letzte Lied verklungen, das Buch rutscht zu den Füssen. Seit Stunden fahren wir in die gleiche Richtung, der Horizont ist weit, die Erde flach. Die Augen haben Zeit, Unebenheiten zu finden, zu betrachten und wieder loszulassen, trotz dem hohen Tempo. Links und rechts der Strasse stehen Zäune, ab und zu begleitet uns eine Telefonleitung, die Masten manchem Vogel willkommene Nisthilfe. Niedrige Büsche wachsen in der roten Erde. Am Strassenrand silbernes Gras, wahrgenommen in der Ferne, die die Halme zu einem Streifen verdichtet. Steine verwittern in situ, nur der Wind bringt Bewegung, kaum bemerkt in der Autokapsel. Das Auge misst den Weg zum Horizont. Jede Erhebung der Strasse, jede Kurve wird als Etappe wahrgenommen. Als ob das Ich sprunghaft nachrücken müsste, haken wir eine Etappe nach der anderen ab.

Travel!

Unterwegs bin ich ganz einfach Touristin. Ich kenne meine Erwartungen und treffe die meisten meiner Gegenüber. Es macht das Leben leichter, die eigene Rolle zu kennen, das Verhalten wird sicher. Neugierig beobachte ich Tiere; wenige Stunden später fühle ich die Grenzüberschreitung, den gleichen Blick auf Menschen zu richten. Wer bin ich hier, fahre durch die Wüste, übernachte in Städtchen und fahre wieder weiter, weiter wohl als die meisten je gekommen sind? Zu Hause in Kapstadt überrascht mich ein neues Selbstbewusstsein, wie eine Auszeichnung nach erfolgter Prüfung. Ich bin stolz, Situationen lesen zu können und undurchdringliche Momente ohne Angst zu erleben. Auf dieses Gefühl habe ich gewartet, Neues ist verinnerlicht, hat seinen Platz gefunden. Sicherheit, die mich auch erschreckt, nicht aus Sorge vor Nachlässigkeit, vielmehr ein Erschrecken vor der Abstumpfung, der Gewöhnung an die Ungerechtigkeit. Scheuklappen lassen sich abstreifen, blind will ich nicht werden.

Meet!

Der blaue Plastikstuhl ist schattig kühl als ich mich setze. Hinter mir das Community Center von Imizamo Yethu, vor mir die geteerte Hauptstrasse. Ich bin bewusst ausgestellt auf meinem Stuhl neben dem Eingang, bewusst grüssend, bewusst lächelnd, bewusst freundlich, bewusst unsicher. Gemauerte Wohnhäuser grenzen an Wellblechschuppen und ausrangierte Schiffscontainer: hier könnte ich, wenn die Scheu überwunden wäre,  mir die Haare flechten oder mein Handy flicken lassen. Unter den vielen fällt mir ein Mann auf, der sich mit drei anderen bespricht, es soll etwas gebaut werden. Wir nehmen uns gegenseitig wahr, die Entfernung zu weit zum Grüssen, zu nah, um die Anwesenheit nicht zu spüren. Wir sind gleich weiss, die Wahrnehmung der Hautfarbe geschärft und übertrieben. Nomhi kommt mir entgegen, die bestellten Kleider unter dem Arm. Ich weiss wieder wer ich bin, die anderen auch.

Enjoy!

Ich geniesse Wein. Ich geniesse Rauch. Ich geniesse Freunde und Familie. Worte, Musik, Essen, Düfte, Stoffe, Aussichten, Anstrengung und Arbeit. Pausen teile ich gerne mit Freunden, lüfte lachend den Kopf. In Südafrika sitzt ein Stachel im Genuss, er heisst Ungleichheit, Ungerechtigkeit oder Unvermögen; häufig auch Korruption. Während dem Geniessen lässt er sich vergessen, wie ein Dorn in unbelasteter Sohle. Kopf und Herz zu lüften, bis in die hinteren Winkel, fällt mir schwer. Vielleicht hört man hier deshalb so oft den Wunsch, den Befehl: Enjoy!

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2 Antworten zu Enjoy!

  1. Michael Surber sagt:

    Hi, ich bin Euer neuer „Follower“. Ich habe zwischen 1996 und 2008 in CPT (davon die meiste Zeit in Hout Bay) gelebt und jetzt seit 2009 wieder im Zürcher Unterland. Du schreibst von IY in Hout Bay und von Nohmi. Eine Frau aus IY war einmal der Babysitter meines heute 10-jährigen Sohnes. Der wohnt noch in Hout Bay und geht auch an die Deutsche Schule (seit Jan. 2012).

    Ich bin basierend auf einen Google Alert mit „Deutsch Schule Kapstadt“ auf Euren Blog gestossen. Ruft Wehmut in mir hoch.

    Was macht Ihr in CPT, wenn ich fragen darf?

    Herzliche Grüsse,

    Mischa

  2. Kathrin sagt:

    Hi Mischa
    Vielleicht geht dein Sohn ja mit unserer Tochter zur Schule? Klasse 4b…
    Wir sind geschäftlich hier in Cape Town, Michi macht ein secondment bei einer Agrofirma, die in ganz Afrika tätig werden möchte; er baut den Nachhaltigkeitsbereich bei den Investments auf. Selbst bin ich Schriftstellerin und benutze den Blog für Fingerübungen, daneben arbeite ich einen Tag pro Woche in Hangberg und unterstütze die Bethesda (Organisation für Behinderte und ihre Familien) in Organisationsentwicklung, Kommunikation und Fundraising.
    Herzliche Grüsse
    Kathrin

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