Zeitreisen in Äthiopien

Es ist das dritte Mal, dass ich auf meiner Suche nach dem UNO-Gelände in Addis Abeba zurück in mein Hotel irre. Am Fernseher läuft immer noch der Match Chelsea – Arsenal, der vom 29. August 1970 und entsprechend kurz sind die Hosen und lang die Koteletten. Nach links, rechts und geradeaus werde ich nun doch noch in die korrekte Richtung gewiesen. Dem relaxten Verhältnis vieler Afrikaner zu Richtung und Zeit habe ich es zu verdanken, dass ich trotz strengem Programm noch zu einem Stadtrundgang gekommen bin.

Addis Abeba liegt auf über 2000m, es ist die Hauptstadt eines Landes grösser als Deutschland, wurde nie kolonisiert und es leben 80 Millionen Menschen hier, 82.5% davon von weniger als 1.25$ pro Tag. Die Luft ist dünn und braun vom Dieselruss. Man stolpert über schuttübersäte Trottoirs durch ein Gebäudeinventar, dass je hälftig aus Plattenbauten Typ Ostblock 70er-Jahre und neuen Glaspalästen besteht. Wenn man die Gerüste aus knorrigen Ästen bestaunt, mit denen diese hochgezogen werden läuft man immer wieder Gefahr in die Kanalisation zu fallen weil die Abdeckungen nicht fehlen sondern wohl nie angebracht wurden. Der Verkehr ist schwach, die üblichen bulligen Jeeps der Hilfs- und UN-Organisationen und Tausende Lada-Taxis die wohl schon Ende 60er-Jahre im Ostblock nicht mehr modern waren.

Ganz anders als es den Eindruck macht bewegt man sich auch als sichtlich Aussenstehender, mit Anzug und Laptoptasche, völlig gefahrlos: „You walk alone: No one touch you!“ lautet das Briefing im Hotel. Die Leute sind so freundlich, dass ich erst nach einer Weile meine Skepsis ablege, das sei alles ein Trick mir etwas anzudrehen. Es geht gemütlich zu und her in den Strassen, überall werden auf kleinen Feuerchen Kaffeebohnen geröstet für die traditionelle Kaffeezeremonie. Auch zum Essen nimmt man sich viel Zeit, der Teig der Fladenbrote (Injeras) gammelt 3 Tage vor sich hin bevor man mit den graugrünen Fladen von Hand Eintöpfe und Saucen auftunkt. Es gibt auch so etwas wie einen Käse, der ist aber aus Bananenwurzeln gemacht. Eine geschmackliche Herausforderung, die Produktion lässt ganze Quartiere nach Erbrochenem riechen.

Wenn man statt Bananenkäse, Kaffee und Diesel plötzlich Weihrauch in der Nase hat, ist eine der vielen Kirchen nahe, vor denen sich jeder verbeugt, bekreuzigt, mit der Stirn die Kirchhofumrandung küsst. Reggae und traditionelle Weisen beschallen die Strassen. Die messerscharfen Bleistiftschnäuze der Äthiopier sind bei uns sicher schon 30 Jahre aus der Mode. Man lebt hier nicht in der gleichen Zeit – sprichwörtlich: Die Äthiopier schreiben nach ihrer Zeitrechnung das Jahr 2004. Wo wohl die 8 Jahre geblieben sind? Man hat auch eine andere Schrift, von weitem sieht die aus wie Keith Jarretts bekannte tanzende Männchen.

An den vor dem Eingang weidenden Ziegen vorbei gelangt man in die UNO-Zone und wieder in die uns vertraute Zeit. Ausser, dass auch in der UNO immer wieder der Strom ausfällt. Eine interessante Statistik der UN und der afrikanischen Entwicklungsbank lässt auch in die Zukunft blicken: Auch im Jahr 2050 werden noch 80% der Afrikaner weniger als 10$ am Tag verdienen. Auch in Zukunft werden also Ausflüge in die Vergangenheit in Afrika allgegenwärtig sein.

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