Community

Matti’s Hand ist warm und vertraut in meiner, ich halte sie fest, um mich nicht zu verlieren. Heute ist Sportfest an der Deutschen Internationalen Schule von Kapstadt, die Eltern sind dabei. Gebräunte Stahlwaden, blondes Haar und rosa Lipgloss; Männer in Freizeithose und Bankerbrille, gute Laune allenthalben. Enjoy! Und ich ertappe mich beim Rätseln um die Rassenfrage: wie deutsch sind die wenigen dunkelhäutigen Eltern?

Die rote und die blaue Mannschaft paradieren hintereinander zum Sportplatz, Teamchefinnen und ihre besten Geister halten sich mit Rufen und Tanzen warm. Den Seenebel treibt’s über die Hügel, Schwaden lassen die Sonne verschwinden und verbreiten feuchte Kälte wie auf einer Wanderung im Tessin. So viel Begeisterung, Zusammengehörigkeit und Abgrenzung verstört mich frühmorgens: wieviel Gemeinschaftsgefühl braucht man als Kind, Jugendliche, Erwachsene? Zu welchen Communities gehöre ich?

Zwei Mädchen mit langen Zöpfen erinnern mich an meine Schwester, an die Schule in Toms River. Auch da war das kompetitive wichtig, in den Gängen wurden die Namen der Kinder mit den besten Noten pro Jahrgang ausgehängt. Meine Abneigung vor Wettkämpfen kommt mit verstiegen vor: habe ich einfach Angst vor dem Verlieren? Ich bin ja sehr gerne gut. High five und keusches Rückenklopfen zwischen Sportlehrerin und Jüngling; Gesten, die mir nur unter Freunden vertraut sind. Matti zieht an meiner Hand und zeigt mir ein Tautropfennetz auf seiner Augenhöhe, so finde ich zurück aus den Träumereien.

Ein weissdicker Junge tanzt auf dem Tisch, feuert die blaue Mannschaft an; tanzt so gut, dass einige Mütter mit einsteigen. Er lässt mich spüren, wie humorlos und langweilig ich gerade bin; gleichzeitig stimmt er mich versöhnlich. Frühmorgens störte mich, wie Erwachsene ihre Kinder in ein Gemeinschaftsgefühl manipulieren; gegen Mittag  wird es erlebbar. Oder hat mich die konstant laute Musik endlich zermürbt?

Billie Jean erinnert an die Zeit, wo wir Eltern jung oder jünger waren. Damals, als Networking noch keinen Namen hatte. Wahrscheinlich sieht die Schweiz für Nicht-Schweizer ähnlich aus wie diese Community: versammelte Geldmacht, grosser Eifer im Kleinen, Angst vor dem Anderen, viel Glück in der Wiege. Und zur Zierde ein wenig Farbe, dezent.

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5 Antworten zu Community

  1. mikeinhawaii sagt:

    Liebe Kathrin
    Von deinem Bericht über das Sportfest schlage ich einen Bogen zu einem Buch, das ich gerade – mit zunehmender Verzückung – lese: The Time of Our Singing (Der Klang der Zeit) von Richard Powers. Kennst du es? Die beiden Hauptfiguren sind hellhäutige (also nicht Weisse) Nachkommen einer schwarzen Mutter und eines vor den Nazis geflüchteten Juden. Es ist eine grosse Parabel auf Diskrimierung und Integration und zugleich eine Liebeserklärung an die Musik, an den Gesang; durchkomponiert wie eine grosse Symphonie.
    Wie die Integration hier in Hawaii tatsächlich funktioniert, ist mir noch nicht klar. Oberflächlich ist alles in Minne. Es gibt sehr viele gemischte Paare, Kinder aller Hauttöne, vielfarbige Familien. Doch es ist noch kein Jahrhundert her, dass die Zuwanderer aus Asien wüsten Diskriminierungen ausgesetzt waren, wie ich in diesem Roman http://www.alanbrennert.com/Pg_Honolulu.html erfahren habe.
    Aloha und viele schöne Wellen!
    Mike

  2. Kathrin sagt:

    Lieber Mike, danke für den Buchtipp – kenne es noch nicht, das ändere ich aber so schnell wie möglich! Ich beschäftige mich im Moment fast ausschliesslich mit südafrikanischen Autoren, da lese ich gerne zwischendurch einmal etwas Verwandtes aus anderer Perspektive. Insbesondere die short stories aus Südafrika haben es mir angetan und machen mir Lust auf dieses Genre.
    Wie warm ist der Pazifik? Die wetsuits werden uns zur zweiten Haut, auch einfach beim Baden, haben hier im Westen häufig unter 15°…
    Liebe Grüsse
    Kathrin

    • mikeinhawaii sagt:

      Liebe Kathrin
      Fast traue ich mich nicht, dir die Temperaturen hier zu nennen. Wir hatten heute mit 25 Grad einen ausgesprochen kühlen Tag, der Pazifik ladet mit sicher 26 Grad zum Bade. Aber wie ich kürzlich 2 Stunden im Wasser das Kitesurfen geübt habe, schlotterte ich wie ein altes T-Shirt im Wind und trage nun auch einen Shorty.
      Ich freue mich aufs Surfen, sprich Wellenreiten. Der Abschnitt der Nordküste, wo ich gerade bin, ist nicht so geeignet, aber ich hab ja noch viel Zeit;-)
      Hang loose
      Mike

  3. Panglosswannabe sagt:

    Kathrin, I am a friend of a friend of a friend of yours, living in Switzerland but born and raised in South Africa. I love your blog posts about SA! (I understand and read German but my ability to speak and write German are unimpressive, in spite of winning the UCT prize for German in 1976.)

    Like Mike, I have read The Time of Our Singing and it’s an excellent book about how complex life is for mixed-race kids. (As it is for all those who think about life.) Please keep on blogging!

    Your fan,
    Penelope (Rolle, Schweiz)

    • Kathrin sagt:

      Wow, thanks for the praise, Penelope!

      I just ordered the book, can’t wait to get my hands on it🙂 I’d love to know what you think about Switzerland…will check out your blog.

      Cheers
      Kathrin

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