Ein Recht auf Glück und Genuss

Früh an einem Samstag im April zählten wir während der 15-minütigen Küstenfahrt nach Kapstadt 128 weisse rennende und radelnde SporterInnen, dazu 28 in Wolldecken gehüllte schwarze Arbeiter (hoffentlich!). Die Freizeitkultur der Cape Town Babes und ihrer graumelierten Jungs ist augenfällig, ich kann sie ebensowenig ignorieren wie die Armut. Die Gegensätze rauben mir manchmal die Lust am Sport, an der Körperästhetik, am Luxus des Käfelen. Ich mag mich nicht gewöhnen ans verwöhnt sein.

Dene wos guet geit, giengs besser
Giengs dene besser, wos weniger guet geit
Was aber nid geit, ohni dass’s dene
Weniger guet geit, wos guet geit.

Drum geit weni, für dass es dene
Besser geit, wos weniger guet geit
Und drum geits o dene nid besser
Wos guet geit.

Mani Matter

Wir Fortunisten pendeln zwischen Verwöhnung und Kasteiung. Manchmal dünken mich die Momente des inneren Gleichgewichts selten; wo die Mitwelt uns nichts schuldet, wir sie aber auch nicht konsumieren. Diese Momente – das eins sein mit sich selbst – sind ein Genuss. Das Verwöhnt-werden mag ich nicht verwechseln mit diesem Genuss; Verwöhnung ist ein Präsent, und ich bin die Empfängerin. Einmal kaufe ich mir die Verwöhnung als Service zielstrebig ein, ein andermal, ein schöneres Mal,  erhalte ich sie als überraschendes Geschenk. Unsere Gesellschaft erscheint mir nicht genusssüchtig, eher verwöhnungssüchtig, als suchten wir immer auf’s Neue Kompensation für das Unrecht, das uns scheinbar widerfährt. Als Unrecht lassen wir vieles gelten, von quengelnden Kindern bis zur schwierigen Chefin, von der langweiligen Ehe bis zur Schlange an der Kasse, die jammernde Freundin genau so wie der fehlende Sitzplatz im Zug. Glück im Leben ist verknüpft mit Zufall und Schicksal, wir meinen manchmal, wir hätten ein Recht auf Glück – wir leben in der Erwartung des Glücks, haben es selbstverständlich verdient.

Verwöhnt zu werden hat eine einsame Komponente; als Verwöhnte bin ich Empfängerin des Genusses und auf einen Spender angewiesen, doppelt einsam ist es, wenn ich beide Rollen gleichzeitig spiele (und doppelt schön, wenn man sich gegenseitig verwöhnt!). Heute gönne ICH mir einmal etwas! Opfern wir wirklich so viel  für andere, und geniessen wir das Leben so wenig, dass wir uns selbst verwöhnen müssen? Wieviel Verwöhnung waren die vergangenen Tage wert? Neue Schuhe, zwei erpresste Stunden ohne die lästigen Kinder oder gar ein ganzes Massage-Sport-und-gesundes-Essen-Wochenende? Mein Körper hat ja auch mitgelitten, enspricht nicht ganz dem Ideal. So kaufen wir Individualisten mit all den Verwöhn-Angeboten unser persönliches Optimum, eine positive Bilanz,  eine vermeintliche Gerechtigkeit in Glück und Genuss, und vergessen dabei das Leben.

Hoch sind unsere Erwartungen an uns selbst: gerechte, liebende Eltern wollen wir sein, Erfolg in einem erfüllenden Beruf haben, dazu einen Körper, der Blicke auf sich zieht. Kreativität, Originalität bewundern wir bei anderen, lange Weilen sind gefürchtet. Innere Freiheit und Unabhängigkeit geben wir rasch preis, die sind  anstrengend und würden noch mehr Belohnung einfordern. Zu Recht erwarten wir Respekt von anderen, Leistungen vom Staat. Was erwarten wir von der Gesellschaft, vom Kollektiv, von unserer Menschlichkeit, von der Politik? Stehen wir nur uns selbst, unserem Arbeitgeber und unseren Liebsten gegenüber in der Pflicht? Absagen an Religion und Kirche erfolgten bei mir vor langem, die Absage an die Politik erlebe ich als Versuchung, nicht aber als Möglichkeit. Beispielhaft erscheint mir die Junge SP, die letzten Herbst ihre Vorfahren Andi Gross, Anita Thanei und Christine Goll von der Nationalratsliste kippen wollte (mit teilweisem Erfolg). Nicht mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung, sondern formal, über eine innerparteiliche Hürde für Sesselkleber, mit dem Argument, sie haben „genügend Zeit gehabt, ihre Ideen umzusetzen, auch sie seien ersetzbar“. Die Szenerie ist ja hinlänglich bekannt aus der übrigen Arbeitswelt – ohne Rücksicht auf eigene Verluste wird Arbeitnehmern ein Verfalldatum zugewiesen. Erstaunlich, wie es dieser SP-Generation nicht mehr darum geht, für Menschen zu kämpfen, andere zu überzeugen; sie pervertiert die Parteigeschichte und macht die eigenen Mitglieder zu austauschbaren Politik-Maschinen, die persönliche Ziele umsetzen wollen. Sozusagen eine Absage an die Politik durch die Politik. Vielleicht sollten wir alle etwas böser, etwas unabhängiger, etwas dicker, etwas erfolgloser werden – dafür unsere Erwartungen an die Freiheit, an die Politik, an die Gesellschaft bewusster leben. Wir gehören dazu!

Es ist mir klar, es steht nichts Neues hier; was ich keinesfalls sagen will, ist, dass früher einmal irgend etwas besser gewesen sei. Ich glaube nicht an eine objektive Sicht auf solche Trends – die Lebensmitte erscheint mir aber nicht schlecht als Perspektive, was natürlich wiederum gänzlich subjektiv ist!🙂 Ich renne, ich geniesse und lasse mich gerne verwöhnen – aber ein Recht darauf, das hab ich nicht. Übrigens gibt es weiter unten eine Kommentierfunktion.

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5 Antworten zu Ein Recht auf Glück und Genuss

  1. Ursula sagt:

    Zum Thema `Glück`:“Mit dem Glück verhält es sich ähnlich wie mit dem Schmetterling: Du kannst ihn nicht mit dem Schmetterlingsnetz einfangen, sondern du musst achtsam darauf warten, dass er sich auf Deiner Hand niedersetzt!“

  2. Lisa sagt:

    Wenn wir uns aber des Glücks unseres Lebens bewusst sind und es als Privileg sehen, achten und geniessen, wie du das ja auch tust, sollte das Suchtpotential nicht allzu hoch sein, denn ein paar Turnschuhe sind schnell durchgelaufen und das Wellnesswochenende leider nach wenigen Stunden vergessen?! Aber andere Menschen oder die eigenen Kinder mit Glück zu verwöhnen bleibt ewig in Erinnerung… Das schafft ihr beides spielend!
    Es braucht aber eben beide Glücksmomente, das eigene Ego zu befriedigen und den Beitrag an eine bessere Welt zu leisten. Alles eine Frage des Mass oder der Balance, rein theoretisch..;) Auch ich bin offen für Kommentare…

  3. Kathrin sagt:

    Am 8. Mai auf dem Abreiss-Zetteli-Kalender der Migros gefunden (ja, der hat’s dank Matti’s Weihnachtsgeschenkt aus dem Kindergarten auch bis hierher geschafft! :-)): „Glück ist nur ein Sammelname für Tüchtigkeit, Klugheit, Fleiss und Beharrlichkeit.“ Charles F. Kettering, der amerikanische Erfinder (hat so ziemlich alles erfunden vom Freon für Kühlschränke bis zu besseren Dieselmotoren), sagte das. Wenn man sich Glück so verdienen könnte, müsste Priscilla nicht immer auf’s Neue mit Alltagswidrigkeiten kämpfen, die wir uns kaum vorstellen können. Sie kennt das glücklich-Sein auch, klar, aber darauf zu schliessen, dass sie Glück im Leben hat dünkt mich dann doch etwas weit hergeholt. Zu Ketterings Entlastung: wahrscheinlich war er sich nicht bewusst, dass er das Glück hatte, in die richtige Zeit und im richtigen Land für seine Talente geboren zu werden – die Industrialisierung in den USA.
    Ein Buchtipp, der mir zum Thema einfällt: Coconut, von Kopano Matlwa. Fikile, die Heldin des zweiten Teils, ist überzeugt, ihr Glück erzwingen zu können.

  4. mikeinhawaii sagt:

    Hängen die Fragen, die du aufwirfst, nicht stark von Kultur und Wohlstand ab? Meinen Eltern wäre es nie in den Sinn gekommen, sich ein Wellness-Weekend zu gönnen oder sich sonstwie bewusst, explizit für die Mühen des Alltags zu entschädigen. Zum Ausspannen gabs Ferien und Feiertage, quasi das Pflichtprogramm – dazu Zigaretten und Whisky.
    Erst der Hedonismus der 80er Jahre hat den Boden für die heutige kulturelle Praxis bereitet. Und im Verlauf der letzten Jahrzehnte hat sich ja auch eine potente Dienstleistungsbrache entwickelt, die uns Glück und Zuwendung in allen möglichen Formen andient.
    Davon ist bei mir sicher etwas hängen geblieben. Trotzdem lag unsere Tochter (19) uns eine Zeitlang ständig in den Ohren, wir sollen uns endlich etwas leisten, etwas gönnen. Dahinter vermute ich den Wunsch, die Eltern mit zusätzlichem sozialem Prestige auszustatten.
    Mein letzter Versuch, ihr zu erklären, dass mir eben die innere Freiheit – etwas NICHT zu tun, selbst wenn es fast alle tun – wertvoller ist als alles andere, scheiterte kläglich. Aber ich bleibe dran.
    PS: Der von allen Seiten zugesprochene Marschbefehl für meine dreimonatige Hawaiireise lautete: «Geniess es!»

  5. Kathrin sagt:

    Bin sehr einverstanden damit, dass diese Fragen von Kultur und Wohlstand abhängen; genauso wie ich, die sie auf diese Weise stelle, ein Produkt meiner Generation, Kultur, meines Einkommens (hahaha!) bin. Und trotz und gerade wegen all der Subjektivität ist mir wichtig, dass wir deine innere Freiheit, die auch eine objektive Seite hat, geniessen und bewerben. So viel zu meinem Sendungsbewusstsein🙂.
    P.S.: Bin auch für Zigaretten und Whisky (Sour). Wie und was raucht/trinkt man in Hawaii? (= Steilpass für Post?)
    P.P.S.: Deine Chicks gefallen mir!

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