Malawi: OK. Thanks.

Was auffällt wenn man sich Malawi nähert, aus der Luft: die geraden Linien der technisierten Welt fehlen. Rote Wege mäandern von Dorf zu Dorf, runde strohgedeckte Hütten und Felder, die ineinanderlaufen oder in den Busch, bis kurz zur scharfen Trennung der Flughafenabschrankung die sich schnurgerade durch diese bukolische Landschaft legt.

Am Boden dann, ausserhalb des Flughafengebäudes, das den Charme der früheren 60er Jahre verströmt, spürt man dieselbe Beschaulichkeit, ein lauer Wind geht und gemütlich ziehen kleine Wolken ihres Weges am Himmel. Drei Stunden warten auf den nächsten Flug, die Ruhe macht schläfrig, nur der Ventilator dreht seine Runden.

Die Malawier sind bekannt als die freundlichsten Leute Afrikas, und auch Chips, der Fahrer der mich zu meiner Arbeit bringt, weiter aufs Land hinaus, sagt immer wieder auf der stundenlangen Fahrt, als Ende jeder Frage oder als Antwort auf alles: „OK. Thanks.“

Wenn man ihn fragt wie lange es noch dauert: „One hour. OK. Thanks.“ (es sind dann fast zwei Stunden). Ob die Mais-Ernte, die in weissen Körnern auf Tüchern vor den Hütten trocknet gut war: „OK. Thanks.“. Wie schön Mount Mulanje sei, ein 3000 m hoher Granitklotz der mit einem Gürtel Regenwald und Teeplantagen umgeben ist und der als „Island in the Sky“ die Landschaft dominiert: „OK. Thanks.“ (etwas wortkarg, hier: Die Einheimischen gehen nur aus Not zum Holzsammeln in den Wald und auf den Berg, die Ahnen spuken dort). Wo arbeiten all die Leute, die vornehmlich zu Fuss (barfuss) und auf dem Fahrrad unterwegs sind: „Tea Estates. OK. Thanks.“. 

In Chips‘ charakteristischem Vollgas-Vollstop-Modus erreichen wir meine Destination, Mulanje, am Fuss des gleichnamigen Berges. Der Rauch der Holzfeuer verbreitet einen aromatischen Duft und erinnert mich an meine Aufgabe hier: Wir investieren in ein Programm, das zu geringerem Holzverbrauch führen soll. Diese Woche kommen die Prüfer und schauen, ob wir unsere Sache auch richtig machen (es scheint so, im Nachhinein).

Wir besuchen auf holprig-roten Pisten die Produzenten, Dorfgemeinschaften, die sich organisiert haben, einen Brennofen gebaut haben und aus dem Lehm der vielen Bäche Öfen bauen, eine Art Blumentöpfe mit Loch, die brauchen nur noch halb soviel Holz. Der Wald entlang dem Mount Mulanje hat es bitter nötig, und der Verkauf der Öfen bringt eine neue Einkommensmöglichkeit für die Leute. Die Leiterin unseres Vorzeigedorfes, Madame Njawa, hat es dank dem Programm zu bescheidenem Wohlstand gebracht, ein Haus gebaut und – sie lässt gärtnern.

Ausser Teefarmen gibt es hier kein Auskommen, die Leute bauen an was so wächst: Mais, Zuckerrohr (das als Snack gekaut wird), Bananen, Ananas, Maniok, Tomaten; und sie sammeln Holz zum Kochen. Hin und wieder wird der Überschuss verkauft, oder man zerklopft tagelang mit dem Hammer Steine zu Kies, als Baumaterial. Geld ist wenig im Umlauf, an den Ständen der Strasse entlang hängen Plastiksäcke zum Kaufen (Neueinfuhren hat die Regierung aus Umweltschutzgründen verboten). Paraffin gibt es zur Beleuchtung der Häuser, damit man nachts  die Schlangen sieht, in kleinen Plastiksäcklein (auch immer wieder in zweckentfremdeten Kondomen, die es auf jeder Männertoilette gibt, von Hilfsorganisationen gesponsert).

Strom, und damit Licht und Fussball (Chelsea!) gibt’s nur entlang der Hauptstrasse; der Transport von Leuten, Waren und Tieren erfolgt praktisch ausschliesslich auf den Fahrrädern, die unsere Grossväter wohl den kirchlichen Hilfsorganisationen vermacht haben, die hier überall tätig sind. Die Leute halten sich fest an Gott. Sitzungen werden mit einem Gebet eröffnet und geschlossen, es gibt immer mehrere Freiwillige für’s Vorsprechen.  Wenn es dunkel wird schmilzt die Zivilisation auf den Umkreis des verfügbaren Lichts, im Dschungel schreien die Affen, man bleibt wo man ist.

Wo wir hinkommen werden wir begeistert begrüsst, der Alltag ist eintönig und unser Besuch eine erfreuliche Abwechslung. „Mzungu!“ schreien die vielen, vielen Kinder und mokieren sich über meinen bleichen Teint. Auf unseren Rundgängen folgt uns die weibliche Dorfgemeinschaft, singend, die Männer liegen apathisch im Schatten oder trinken, etwas abseits, selbstgebrannten Gin, aus Zucker und Maisspreu, ziemlich stoned schon früh am Morgen. Ein Kind schreit, es hat Angst vor dem unbekannten Auto.

Ich staune innerlich über die Kraft der Frauen, hier etwas zu bewirken, und die Tatsache, dass hier so verschiedene Welten wie meine und die in Malawi ganz direkt voneinander abhängen. Wenn’s diesen Leuten nicht bald besser geht sind wir gescheitert, und nicht nur an einer inneren Verpflichtung sondern ganz konkret mit unserer Arbeit.

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