Zimmer mit Aussicht

Wisst ihr noch, die Aussicht in Biel? Eiger, Mönch und Jungfrau winkten in der Mitte, bei klarer Wetterlage liessen sich im Osten der Säntis, im Westen das Matterhorn erahnen…das heisst, wenn man sich die Riesenzeder und ihre Gspänli vor unserem Haus wegdachte. Manchmal brachte uns das nachbarliche Zelebrieren der Aussicht auf Balkonien ganz schön zum Lachen, wieviele Gäste mussten da bei sonntäglichem Weisswein die Alpen würdigen?

Unser Haus in Hout Bay ist ein echtes Bellevue: vom Little Lion’s Head zum Karbonkelberg, vom Sentinel zum Chapman’s Peak, von Constantia Peak zum Vlakkenberg und bis hinauf nach Constantia Nek reicht der Blick. Oder, mit anderen Worten: von unseren Nachbarvillen am Südhang bis zum Hafenviertel Hangberg; vom Village bis Imizamo Yethu (kunstvoll verdeckt durch eine strategisch gepflanzte Pinie) und dann das Valley hinauf den Pferdeweiden entlang. Das Meeresblau der Bucht, das freundschaftliche Blinzeln des Leuchtturms von Kommetjie und das sichtbare Heranziehen des Wetters haben es uns ganz besonders angetan – Gäste setzen wir auf die besten Plätze unseres Schauinsland – enjoy!

Ich  löse den Blick vom Buchstabentanz des Bildschirms – Gedanken lasse ich fliegen, schicke sie über die Bucht hinaus auf’s Meer und fange sie wieder ein am Fenstersims des Elfenbeinturms. Priscilla schaut auf, tritt näher ans Balkongeländer, ich sehe die Sorge in ihren Augen. Sirenen hören wir hier täglich, diesmal sind sie lauter, Feuerwehr und Polizei fahren im Konvoi nach Imizamo Yethu. Ob Buschbrand oder Feuerteufel – beide sind gefährlich für das Township. Priscilla bewohnt mit ihren zwei Buben einen Shack im Hinterhof ihrer Tante, das sind etwa 7 m2, die sie nutzen darf, unentgeltlich. Gebaut ist er aus Wellblech und innen mit Karton tapeziert; das Bett, der eintürige Schrank und ein Elektroherd mit zwei Platten finden auf dem Holzboden Platz.

Seit sie bei uns Arbeit gefunden hat, spart Priscilla für eine grössere Unterkunft. Land ist aber die knappste Ressource in Imizamo Yethu, erst in drei Jahren sollen neue Backsteinhäuser gebaut werden, vorher müssen neues Land eingezont, illegale Shacks abgerissen und Landrechte verteilt werden. Gemeinsam haben wir (dank dem Auto) an einem Morgen fünf mehr oder weniger zuständige Dienststellen besucht – leider mit negativem Resultat. Die Aussicht auf einen Platz kam erst im letzten Gespräch, mit einer Schwester von Priscilla. Diese besitzt den etwas grösseren Hinterhof. Dort soll das zweizimmrige Wendy House (ähnlich wie im Bild) stehen – so bald als möglich!

Warum haben wir Priscilla und den Buben nicht angeboten, bei uns zu wohnen? Platz hat es genug, natürlich auch mehr Komfort als im Township. Sie und die Buben wären getrennt von der Familie, Schul- und Einkaufsweg müssten organisiert werden, und wie würden die Buben die Gegensätze erleben? Was käme, wenn wir wieder in die Schweiz ziehen? Paternalistisch kommen sie mir vor, diese Gedanken, wir suchen Argumente aus Priscillas Leben, die dagegen sprechen. Viel schwerer zuzugeben, dass wir unsere Privatsphäre höher gewichten als Priscillas Wohnungsnot.  Es gäbe ja auch Gemeinsames zu entdecken; es könnten neue Reserven aufgebaut werden beim Ausruhen vor alltäglichen Bedrohungen und Unsicherheiten. Ein echtes Abenteuer, wo wir Grenzen entdecken und Welten neu erfinden müssten! Wie nichtig dagegen die Herausforderung, ein Häuschen mit zu finanzieren.

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Eine Antwort zu Zimmer mit Aussicht

  1. Moni sagt:

    ja, ja, die liebe Privatsphäre. Wir machen ja gerade die Erfahrung, was es heisst, eine 16 jährige Studentin bei uns wohnen zu lassen …🙂. Da muss man seine Prioritäten und Eigenheiten/Einstellungen schon hinterfragen …

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