Vorbilder

Aufwachsen in Südafrika ist nicht leicht, unabhängig der Hautfarbe. Einerseits gibt es die bekannten Probleme wie Kriminalität, Korruption und keine Arbeit; andererseits mangelt es an starken Vorbildern. Bei einer schnellen google-Suche finde ich heraus: Charlize Theron, die Schauspielerin, könnte man gelten lassen (Nationalität, Haarfarbe und Portemonnaie stimmen auf jeden Fall). Michelle Obama, als schwarze Frau, die es geschafft hat, wird oft genannt. Doch ihr Ehemann mit dem hellen Teint macht es schon wieder schwierig: In einer Gesellschaft, wo jedes Formular auch die Frage nach der Rasse enthält, wird er kaum schwarz gesehen. Nelson Mandela.  Er ist das Vorbild für alle hier, und jeder Tag zeigt mir wie wichtig seine integre, integrierende Persönlichkeit für Südafrika ist. „Make every day a Mandela Day!“, ein Credo für viele; Mandela als Synonym für Engagement.

Doch diese Vorbilder sind weit weg – noch viel wichtiger wären lokale „role models“. Bin ich weiss, haben meine Eltern entweder vom Apartheid-Regime profitiert oder dagegen gekämpft; beides findet nicht mehr gleich statt. Arbeit zu finden, ist schwierig geworden. Bin ich schwarz, sehe ich Armut, zudienende Positionen und daneben wenige Superreiche mit guten Parteifreunden. Bin ich coloured, spreche ich Afrikaans wie die Weissen. Ich schaue in den Spiegel: ist mein Haar kraus, lehne ich mich eher an die schwarze Kultur. Sind meine Augen asiatisch geformt, orientiere ich mich lieber an weissen Vorbildern. Die Rainbow-Nation hat zwei Pole.

Vielleicht braucht Südafrika einen Aufstand der Jugend, ein Zusammenraufen, ein Zeichen des Abstands – wie die westliche Welt in den 60ern. Damals lag der 2. Weltkrieg auch etwa 20 Jahre zurück, als Schuld und Leid der Eltern. Südafrika braucht eine Jugend, die Mandela neu erfindet, unabhängig der Profiteure von früher und heute.

Meine Vorbilder, vor 20 Jahren: sicher die Armee-Gegner, die Aktivisten der Rainbow Warrior, Günter Wallraff und vielleicht auch Steve Biko. Bei den „role models“ denke ich an den Freund, der mir die Unabhängigkeit von Konventionen gezeigt hat; auch an die lange Kette von Freunden, bei denen ich verschiedene Rollen ausprobiert habe, bis ich wusste, wer ich bin. In der Schweiz fehlten mir die nahen Vorbilder eher später, als vieles unter einen Hut passen musste – die Unabhängigkeit nimmt mir wohl das Vertrauen in gängige Lebensmodelle. Dafür schenkt sie mir ein Umfeld, das viele Versuche zulässt.

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