Heimat – erste Annäherung

„Als Zarathustra dreissig Jahr alt war, verliess er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. (…, 10 Jahre später) Zarathustra stieg allein das Gebirge abwärts und niemand begegnete ihm. Als er aber in die Wälder kam, stand auf einmal ein Greis vor ihm, der seine heilige Hütte verlassen hatte, um Wurzeln im Walde zu suchen. Und also sprach der Greis zu Zarathustra:  Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchem Jahre ging er hier vorbei. Zarathustra hiess er; aber er hat sich verwandelt. Damals trugst du deine Asche zu Berge: willst du heute dein Feuer in die Täler tragen? Fürchtest du nicht des Brandstifters Strafen?“   F.W. Nietzsche, Also sprach Zarathustra.

„Von den Schweizer Expats kann man lernen“, las ich neulich im Infosperber.  Christian Müller, der Autor, schlägt darin den Schweizer Medien vor: „Redet vor Sachabstimmungen auch mit den Auslandschweizern, mit Menschen, die in anderen Ländern leben oder zumindest gelebt haben. Fragt auch sie, was sie zu den zur Abstimmung gelangenden Geschäften denken.“

Zarathustra fand nach 10 Jahren im selbstgewählten Exil ein Publikum in der Heimat; seine Weisheit gründet zumindest teilweise darauf, dass er längere Zeit im Ausland, auf dem Berg war – im Unterschied zu seinen Zuhörern. Es spielt dabei keine Rolle, zu welchen Teilen die Reise eine äussere oder innere war – zu ersteren gesellt sich immer auch die zweite, die innere Bewegung. Im Artikel wie auch bei Nietzsche wird die gleiche Idee vorgestellt; nämlich dass Menschen die Heimat ungewöhnlich sehen und erleben, wenn sie zurückkommen, zurückblicken. Und auch,  dass sie ihren Erfahrungsschatz auf die Heimat übersetzen können, ihn teilen können, dass die Heimat davon profitieren kann. Es muss ja nicht jeder ein Zarathustra sein – und trotzdem: wie wird es mir gehen, in der Heimat? Habe ich etwas zu teilen, wenn ich heimkehre? Was teilt die Heimat mit mir?

Die Idee der Heimat antwortet auf ein Verlangen, eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit, die nicht für Geld zu kaufen ist. Menschen können durch ihre Kindheit, ihre Sprache, ihre Erfahrungen an die Heimat gebunden sein – oder durch Zuneigung, erlebte, vielleicht auch gewünschte Nähe. Heimat kann Herkunft, Gemeinschaft und Tradition meinen, sie beeinflusst unsere Identität – selbst wenn wir heimatlos sind.  Die Heimat als Idee ist ein unschuldiger Raum, wo sich die Aufklärung verabschiedet, die Romantik uns führt. Die Heimat ist nicht das Vaterland.

„Heimat ist dort, wo ich meinen Ärger habe“, sagt Peter Bichsel in einem Dokumentarfilm. Mein Ärger, mit der Schweiz: Die Verunsicherung in der Gesellschaft, die Zementierung von Vorhandenem – wenn wir keine Welt mehr erfinden, die unsere Kinder und Kindeskinder überrollen können, wenn wir stehen bleiben. Die Freudlosigkeit beim Entscheiden, die Lustlosigkeit im Fortschritt, am Potential. Wenn wir uns keine andere Schweiz mehr vorstellen wollen – wenn wir nicht an der Schweiz bauen, uns nicht getrauen, Fehler zu machen; unseren Kindern nicht zutrauen, dass sie sie verbessern, dort wo’s sein muss, auch wenn wir es nicht mehr verstehen werden. Wenn die Schweiz ausschliessend ist, und nicht einnehmend, das ist mein Ärger. Wenn sie die Augen schliesst, sich zubetoniert, im Reduit hockt, den Mächtigen glaubt, sich keine Meinung leistet.

Heimat ist da, wo mich ein Volkslied zu Tränen rührt, wo ich mich Dichtern und Denkern verbunden fühle. Wo die Landschaft mein Herz erwärmt –  wenn ich im Zug Richtung Leimental fahre. Oder in die Leventina. Heimat ist vielfältig, Heimaten gehen verloren – vom Leimental bleibt mir nur die Landschaft, von Genf nur die Ahnung einer Zeit. New York würde schnell zur Heimat, glaube ich. Biel ist es mir geworden, wenn auch mehr die Landschaft als die Stadt, die ich so mag. Freunde, die mich verstehen, sind mir eine Heimat – Momente der Zugehörigkeit und des Erkennens bilden ihre Räume.

Südafrika –  ein neues Zuhause. Ein Daheim haben wir  – aber eine Heimat? Das wäre wohl verfrüht. Ich erlebe mich hier, sehe, dass ich Spuren hinterlasse, spüre, wie sich die Landschaft, das Land immer vertrauter in mir setzen. Ich habe noch keinen Ärger in Südafrika, noch bin ich zu neugierig dafür. Eine Heimat ist es nicht – und doch:  ich könnte mich nie mehr nicht für das Land, nicht für die Menschen hier interessieren – ich werde nie mehr ohne Engagement über Südafrika nachdenken können. Südafrika gehört zu meiner Identität.

Meine teleskopische Sicht auf die Schweiz,  mit den Scheuklappen der Distanz, verkennt wohl manchmal das Wesentliche, spürt unwichtigen Details nach. Der Blick auf die Heimat wird vielleicht nicht nur von den Erfahrungen im neuen Land geschärft, sondern geradeso von dem, was ich in der Heimat verpasse. Vielleicht sollten wir Expats tatsächlich das Feuer in die Täler tragen, uns als Brandstifter betätigen. Schliesslich lassen sich Auswärtige auch einfacher ignorieren, wenn sie im Unrecht sind.

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2 Antworten zu Heimat – erste Annäherung

  1. Kaspar sagt:

    Das hast Du sehr treffrend beschrieben – wie ich es nicht könnte. Aber ich würde, wenn ich so schreiben könnte wie Du, etwas sehr ähnliches über die USA sagen, wo wir ja etwa in Eurem Alter gewohnt haben.

  2. This is such a fascinating subject, and I like the sober and straightforward way you approach it. I’ve thought for many decades that I have no „Heimat“, being an ex-South African and ex-Londonian in Switzerland. My Heimat is certainly a fragile creation with no certainties in it, consisting of a house, a husband, a cat, a computer, the internet, a few good friends, and a car. I need to think more about this subject. Thank you for the inspiration …

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