The good life

Ich stelle mir vor, ich sei in einem der Homelands aufgewachsen. Kleinräumige Landwirtschaft prägte die Umgebung und Gesellschaft meiner Jugend.

Heute wohne ich in Soweto in einem Shack. Ich gehe an die Uni, habe eine Arbeit, eine Familie.

Morgen wohne ich vielleicht in einem Haus in Soweto, gesetzt der Fall, die Regierung löst eines ihrer Versprechen ein.

Soweit reicht mein Vorstellungsvermögen. Das Leben in der Rundhütte gleicht dem von Heidi; in den Shacks wohnt es sich wie auf dem Robinsonspielplatz,  und den Komfort der Backsteinhäuser kennen wir aus der günstigen Ferienwohnung am Mittelmeer. Auf dem Land stehen mir Zeit und Raum und Landschaft zur Verfügung. In der Wellblechhütte Elektrizität und öffentliche Toiletten mit Spülung und vielleicht Arbeit. Im Haus finde ich Privatsphäre, Prestige und materielle Stabilität.

Die Äusserlichkeiten sind also vorstellbar – innerlich bin ich gespalten. Die ländliche Einfachkeit erscheint mir malerisch (das Licht! die Aussicht! der Wind!), die Subsistenzwirtschaft gesünder als die Arbeitssuche, bei 40% Arbeitslosigkeit und grassierender Kriminalität. Schliesslich wünsche ich mir in den Ferien auf der Alp, sie nähmen kein Ende; ich müsste nur lernen den Ziegenkäse zu machen, das wäre doch paradiesisch! Die Idee der Ruhe, Zeit und sinnvollen Arbeit im Einklang mit der Natur ist so naiv wie verführerisch, sie setzt sich schnell fest im Kopf, und immer wieder als das bessere Leben – „the good life“ genannt. Ich bleibe im Herzen Wanderin (oder Wandererin?), Landschaftsästhetin und Moralistin, im Sinne dass ich einen Wert in Traditionen erkenne.

Mein Kopf bleibt klar: Ich verabscheue Althergebrachtes, das definiert, wer in welcher Weise Mensch zu sein hat. Ich mag keine Grenzen – weder bei Ländern noch in der persönlichen Entwicklung. Natürlich weiss ich, dass Geld und Bildung die Schlüssel zur Selbständigkeit sind.  Und damit Arbeit. Und damit Industrialisierung. Und damit Wachstum, auf eine Art, die mich veraltet dünkt. Schliesslich wurde das Apartheidsregime durch betuliche Ethno-Romantik wenn nicht direkt unterstützt, dann auch nicht verhindert.

Kopf und Herz lassen sich hier scheinbar kaum vereinen – so wenig wie die unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Bedürfnisse. Vielleicht muss es über die Hand geschehen, über den Willen, Neues zu schaffen. Gemeinsames, originelles Neues, im Sinne von Ubuntu – I am who we are.

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