Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Südafrikaner spenden gerne, sei es das angebissene Sandwich für ein hungerndes Kind am Strassenrand oder ein grösserer Betrag für die Fussballmannschaft des nächsten Townships. Eine Studie der Universität von Kwazulu-Natal aus dem Jahr 2005 liefert dazu einige Zahlen:

  • 93% der befragten Südafrikaner spenden Zeit, Geld oder Waren an Personen oder Institutionen.
  • Jedes Jahr werden im Südafrika 12 Milliarden Rand von Einzelpersonen gespendet, 5 Milliarden Rand von Unternehmen. 80 Milliarden Rand werden als Zuwendungen durch den Staat vergeben. (8.5 Rand = CHF 1)
  • 17% der Befragten sind als Volontäre engagiert mit durchschnittlich 11 Stunden pro Woche. Frauen spenden etwas mehr Zeit als Männer; afrikanische Freiwillige am meisten, gefolgt von Coloureds und Indern, das Schlusslicht bilden die Weissen. Arme Befragte arbeiten eher als Volontäre als reiche.
  • 68% der Befragten spenden aus Solidaritätsgründen – wir sollten den Armen geben, weil sie nichts haben, weil sie leiden, weil sie hilfsbedürftig sind. Für 10% der Befragten ist es eine rationale Entscheidung auf dem Weg zur Überwindung der Armut; ebenfalls für 10% ist es eine religiöse Entscheidung.

Charity ist die südafrikanische Antwort auf die Verfehlungen des Staates, auf die Verbrechen der Vergangenheit, auf die Ungleichheit der Bevölkerung. (Fast) überall, wo der Staat aus aktuellen oder historischen Gründen ungenügende Leistungen hervorbringt, springt eine Charity (Wohltätigkeitsorganisation) ein. Charity – Caritas – lässt sich übersetzen als „wohltätiges Geben“, wie auch als „Nächstenliebe“.

Nächstenliebe ist eine Liebe zu allen menschlichen Wesen; sie wendet sich niemals exklusiv einem Menschen zu. Sie gründet auf der Erfahrung, dass wir alle eins sind, dass die Unterschiede von Begabung, Wissen, Hautfarbe und Herkunft nebensächlich sind im Vergleich zur Gemeinsamkeit unserer Menschlichkeit. Nächstenliebe ist Liebe zwischen Gleichen, sie bedeutet Solidarität. Sie beginnt mit der Liebe zum Hilflosen, zum Armen und zum Fremden; im Erkennen, dass wir alle Hilfe brauchen, uns allen etwas fehlt, wir alle fremd sind. Und in der Annahme, dass dies vorübergehende Zustände sind; dass die Selbständigkeit der normale, gemeinsame Zustand ist.

In Südafrika – wie auch im Rest der Welt – gehören Hilflosigkeit, Armut und Fremdheit für viele Menschen zur Normalität – ebenso wie das Geben bzw. Erhalten. Charity ist ein Geschäft; die Organisationen stehen in harter Konkurrenz zueinander; Ideen zur Spendenförderung werden markenrechtlich geschützt und viele Unternehmen machen Werbung mit ihrem Engagement. Cape Town Babes kaufen sich ihr Gewissen mit monatlichen Spenden rein – an fundraising events wird das Nützliche mit dem Angenehmen verbunden, Geben ist schliesslich noch schöner als Nehmen. Geben komplettiert das Rundum-Package für die Seele, das uns die Wellness-Industrie schon zur Hälfte verkauft. Wir lassen uns gerne von Unbekannten äusserlich verwöhnen – weil wir es verdient haben! – und lieben danach unsere Nächsten via Spende genauso konsumorientiert wie uns selbst. Gerade so sehr, dass es im nächsten Monat wieder nötig wird – auch das Glück des Gebens lässt sich im Abonnement immer neu geniessen.

Geben im zwischenmenschlichen Bereich; Teilen von Freude, Interesse, Verständnis und Wissen, Erfolgen und Misserfolgen fällt uns, der weissen Oberschicht Kapstadts – „the southernmost part of Europe“ – oft schwer. Der Konsum tritt allzu häufig an die Stelle der Nächstenliebe als Antwort auf das grundlegendste Problem der menschlichen Existenz – der Überwindung des Alleinseins. Die institutionalisierte Wohltätigkeit enthebt den Staat allzu oft der Verantwortung, für die Wohlfahrt im Land zu sorgen. Grossherzige Spenden braucht dieses Land geradesosehr wie grosszügige; Interesse, Verständnis und Kritik ebenso.

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