Mehr Denken

Der Tafelberg wirft einen langen Schatten, und Chapman’s Peaks Felsen leuchten warm im Abendlicht. Moritz spielt Fussball gegen sich selbst, Matti flötelt Ratten herbei und Nina dehnt Hausaufgaben wie Kaugummi. Ich stehe am Herd, jage Moritz unter die Dusche, überhole die Ameisen beim Wegputzen von Matti’s Zaubertrank und diktiere in flottem Tempo Englischvokabular, fünf Tage die Woche. Bald kommt Michi von der Arbeit, dann essen wir Znacht. Normaler Familienalltag, bestens bekannt, es klingt wohl manchem vertraut.

Seit 13 Monaten habe ich frei, mache ich blau, stelle ich mir meine Aufgaben selbst. Eine Hausfrau mit Ambitionen; eine, die ihr Leben in die Hand nimmt; eine Ruhelose, Ungeduldige, die sich nicht festlegen will. Ein Abwenden vom Arbeitsleben; eine Pause, um Ruhe zu finden; Selbstsuche oder Krise oder Scheitern oder Mut? Alles zusammen und nichts davon stimmt.

Die Herausforderung, keiner bezahlten Arbeit nachzugehen, war für mich von gleicher Grösse wie der Umzug nach Südafrika, und genauso wandelte sie sich im Laufe der Monate. Vieles blieb sich auch gleich: repetitive Handlungen wie Hausaufgabenkontrolle ersetzten die Stundenbuchhaltung; im Morgenbriefing sind Sitzungen oder Handwerkertermine Hans was Heiri.

Heckenschützen im Kampf um Zuständigkeiten gibt es hier keine – eher stelle ich mir selbst ein Bein und erobere im Alleingang und von allen unerwünscht mehr Alltagsverantwortung. Der gesittete Rahmen koordinierender Sitzungen fehlt ebenso, verhandelt wird lautstark und ohne Tiefschutz mit meinen Liebsten. Klar, das war auch früher schon so; nur heute ist mein persönliches Reduit viel näher am Platz; die Ablenkung und Beruhigung durch das Lösen fremder Aufgaben fällt weg.

Gegenläufig entwickelt haben sich mein Selbstvertrauen und das schlechte Gewissen, kein eigenes Geld zu verdienen. Mein Portemonnaie füllt ein anderer, mittlerweile reicht mir der Glaube, dass ich es könnte. Selbstbewusst segelte ich durch Lob und Misserfolg, im Rückblick scheint es mir einfach, damit auf Kurs zu bleiben. Mein Koordinatensystem musste ich neu definieren, oft flackert meine Kompassnadel noch. Heute lege ich nicht mehr nur Ziel und Weg fest, sondern oft auch die Landschaft, die es zu durchqueren gilt. Einen Schritt näher bin ich der Idee vom guten Leben gekommen, das erfüllt und gibt Schub.

Mehr Lesen wollte ich, neben dem Schreiben. Ich lese gleich viel, eher langsamer, bedächtiger, kompliziertere Texte. Der Viertelstundentakt wichtiger Entscheide fehlt mir nur selten,  mein Kopf schult sich heute in Konzentration, Hartnäckigkeit und Klarheit . Ich muss nicht mehr zehn, fünfzig, hundert Projekte gleichzeitig bedenken. Ich lerne, mich Fragen immer von Neuem zu nähern, bis ich mit Worten begreife, was vorher nur Ahnung war.  Ich fürchte, den Speed zu verlieren, die Durchsetzungskraft, die Leadership; und hoffe sie bleiben. Vielleicht brauch‘ ich sie mal wieder.

Mein Leben ist kleiner geworden, mein Inneres bekannter. Ich denke mehr, wenn auch langsamer. Ich bin weniger nützlich, weniger unbequem. Zufriedener? Vielleicht am ehesten, weil ich mehr auf mein Potential baue, und weniger auf das, was ich kann. Das passt ganz gut zu Südafrika.

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2 Antworten zu Mehr Denken

  1. EspeceDeSuissesse sagt:

    Kathrin, I really love to read your thoughts. You are wise beyond your years – or maybe most of us are simply stupid for a much longer time! I am not always able to grasp the refinement of your German expression, but I absolutely get the content. I look forward to seeing a book of your blog posts – they are really something special.

    Your fan,
    Penelope

  2. Kathrin sagt:

    Thanks, Penelope – I greatly appreciate your attentive reading, and of course, your flattering comment. I don’t really think it’s wisdom, but the luxury of having time on my hands to „go figure“. I don’t think we’ll ever see the blog-book – but I am working on a book project and this blog is helping me develop my writing voice as well as the thoughts reflected in my novel. So your comment is a very valuable signpost on my way and will help me stay on track (hopefully) and get the thing finished. Thanks a lot, it’s a pleasure writing these posts.

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