Mein kleines Herz

“And that, my friend, is why I ran away. I ran away because I was scared of the coming changes, and scared of the consequences of not changing. (…) You could say, I suppose, that I ran away from the paradox. (…) It was quite clear, even to a little boy, that blacks were violent, and inscrutable, and yet I loved them. It was also clear that they were capable, kind and generous, and yet I was afraid of them.”

Rian Malan ist ein Nachkomme von Daniel François Malan, Südafrikas erstem nationalistischen Premierminister, einem der Architekten der Apartheid. 1977 floh Rian Malan aus seiner Heimat, um dem Militärdienst zu entgehen. Acht Jahre später, mitten in den blutigen Unruhen der 80er Jahre, kehrte er heim und stellte sich dem Paradox, seiner Familiengeschichte und seinem Gewissen. My Traitor’s  Heart erzählt über die Wurzeln der Apartheid; über die nicht-Beziehungen zwischen schwarz* und weiss; und ganz besonders über Malans persönliche Auseinandersetzung und Entwicklung als liberaler weisser Afrikaner im reaktionären Umfeld. Das Buch erschien 1991, drei Jahre vor Ende der Apartheid; für mich hat es keine Aktualität eingebüsst.

Ursprünglich setze Malan an, die Geschichte seiner grossen, verhassten Familie aus Renegaden-Sicht zu schreiben. Sein Werk geht weit darüber hinaus und beschreibt eine innere Wahrheitssuche, die in ihrer Konsequenz bewundernswert ist. Der Autor deckt seine eigene Feigheit erbarmungslos auf; er stellt sich der Wahrheit darüber, dass er ein Malan ist; trotz seinen linken Ansichten, trotz langem Haar und Liberalismus, trotz jugendlicher Bewunderung für die “weisen alten Schwarzen”, trotz politischer Aktivität in den weissen Vororten von Johannesburg, wo kaum ein Schwarzer je davon Notiz nehmen konnte. Er stellt sich der Wahrheit, dass er über die Gräueltaten in Südafrika nur schreiben kann, wenn er sich den Gräueln im eigenen, verräterischen Herzen stellt.

  “We approached Africa in fear and trepidation, or better yet, we didn’t approach Africa at all.”

Die Beschreibung seiner Jugend in den nördlichen Vororten Johannesburgs zeigt, wie sehr sich das weisse Südafrika eine Trauminsel in Afrika geschaffen hatte: in Westeuropa wäre sie wohl nicht anders verlaufen – abgesehen von der Selbstverständlichkeit des Reichtums. Unser Quartier in Hout Bay erlebe ich heute genau gleich – meine Nachbarschaft ist kaukasisch rein und reich, die schwarzen Maids und Gärtner grüsse ich freundlich aus dem Auto. Nehme ich jemanden mit, stelle ich mich einer Mutprobe, man weiss ja nie. Jogge ich an unübersichtlicher Stelle an einem Schwarzen vorbei, dasselbe, man weiss ja nie. Parkiere ich im Township, lasse ich den Wagen nicht ausser Sicht, man weiss ja nie.

Als Ausländerin fällt es mir leichter, mit offener Neugierde auf Menschen und Situationen zuzugehen; meine Komfortzone ist weiter gefasst, weil ich unbequeme Situationen alltäglich erwarte. Ich kann Fragen stellen, mir wird Dummheit verziehen. Ich wurde in eine Gesellschaft geboren, in der Selbstvertrauen, persönliche Entwicklung, Anerkennung und Egalität stets in Reichweite sind; Rian Malan wuchs auf in einem sozialen Klima, das darüber hinaus von einer Angst geprägt war, der Angst vor dem fremden, schwarzen, lauten, zahlreichen, andersriechenden, unverständlichen Afrika. Äusserlich glich sein Umfeld dem europäischen zum Verwechseln, auch Europa kannte die Angst vor den Kommunisten; das Herz der südafrikanischen Gesellschaft aber schlug rasend vor unmittelbarer Furcht und bewusster Schuld.

Aus dem Jahr 1825 ist die Aussage eines Buren festgehalten, der mit einem liberalen Engländer diskutiert und die Unterdrückung der Schwarzen mit der Bibel rechtfertigt – und doch, auch damals schon verstand der Bure, dass seine Gräueltaten zu einer Abrechnung führen würden, aber er konnte oder wollte sich nicht mässigen.

“Rust, locusts and drought we have already, and ten thousand plagues more may we yet expect as punishment for the blood which lies upon this land.”

Es ist einfach, die Buren, ihre alttestamentarische Weltsicht und ihre Grausamkeit zu verurteilen, besonders einfach, wenn ich abends in meine befestigte Villa zurückkehre um ruhig zu schlafen. Gegen die Apartheid zu  kämpfen; oder heute gegen die Inegalität, ist vergleichsweise einfach aus der geschützten Werkstatt des gesicherten Einkommens, des gesunden Bildungsbürgertums. Es kostet mich einen Bruchteil der Energie, sauber und gesund zu bleiben, die ich im Township dafür aufwenden müsste. Ich muss nicht betteln, bitten und hoffen; ich bewege mich selbstverständlich und unabhängig durch mein Leben, gewohnt zu geben, über Ressourcen zu verfügen. Ich darf diskutieren, muss nicht kämpfen.Um Mensch zu bleiben, will ich mich über die hier übliche Charity hinaus einbringen. Nicht warten, bis ich um Essen oder eine Mitfahrgelegenheit angefragt werde, sondern diese anzubieten. Nicht warten, bis ich zum Mitdenken eingeladen werde, sondern aktiv und wach meine Fähigkeiten nutzen, meinen Brüdern und Schwestern zu begegnen, ohne zu bevormunden. Mich nicht mit Geld von der Sünde der Ignoranz freikaufen.

Malan wandte sich überfordert von seinem Land und seinen Freunden ab; als politische Alternativen zur Apartheid und als Möglichkeiten zur Verbrüderung mit schwarzen Freunden standen ihm damals nur Sozialismus und Kommunismus zur Verfügung.  Aber wie kann man an einen Kampf der Klassen glauben, wenn die Gesichter auf der einen Seite schwarz, auf der anderen weiss sind? Wer kennt heute einen weissen Minenarbeiter in Marikana? Reich und arm, dunkel und hell – beides lässt sich nicht ignorieren.

 “By the time we love the blacks, they will have lost their love for us.”

Malan war es unmöglich, auf der Seite der Schwarzen in einem Township an den Protesten teilzunehmen. Seine Angst ist verständlich angesichts der tödlichen Gewalt, mit der damals jeder Weisse, der sich in einem Township zeigte, rechnen musste. Die wenigsten Menschen, die ich hier treffe, haben sich so intensiv mit diesem Paradox auseinandergesetzt. Die meisten wählen den Weg in den ignoranten Liberalismus, mit allem einverstanden, was das Einkommen nicht schmälert und nach Fortschritt riecht. Veränderung fand statt in den letzten Jahren – und doch wieder nicht. Das Leben von schwarzen Hausangestellten hat sich mit dem Ende der Apartheid fundamental verändert – sie brauchen keine Pässe mehr, um weisse Quartiere zu betreten, und auch der Lohn reicht meist, um ein oder zwei Kinder zu kleiden und gesund zu ernähren. Im Alltag, in der Arbeitssituation und in der Gesellschaft bleibt vieles gleich: erdrückende finanzielle  Abhängigkeit, keine persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten und nach Rasse verteilte Rollen – wer hat schon von einer weissen Maid gehört? Die Insel schwimmt weiter.

Die Regierung ist heute in grosser Mehrheit schwarz – und doch finden täglich Proteste in den Townships statt. Der Staat hat sein Versprechen, alle Menschen mit Strom, Wasser und einem festen Dach über dem Kopf zu versorgen, auch 18 Jahre nach Ende der Apartheid nicht eingelöst. Aber auch heute noch sieht man kein weisses Gesicht in den Reihen der Protestierenden. Weisse Politiker hüsteln verlegen und zeigen allzu schnell auf ihre schwarzen Kollegen; sie bedauern wortreich die Korruption im Land. Wie engagiert man sich mit und für Menschen, die man kaum kennt, in deren Schuld man steht? Nelson Mandela kämpfte dafür, diese Schuld zu streichen. Doch geht die Rechnung auf, wenn es an Grosszügigkeit fehlt, an gegenseitigem Interesse und Verständnis, an Solidarität?

“My relations with blacks had been somehow adolescent, sweaty, and nervous, full of awkward gropings and unrequited yearnings – and what was that, if not love? We all seemed to be groping for one another in the murk of a mutual blindness. Our hands usually missed, so the times when they actually touched seemed heart-rendingly poignant.”

Natürlich ist es heute chic, das Cüpli nach dem Besuch im Fitnesscenter zusammen mit der schwarzen Freundin zu kippen, und auch ich fühle einen verschämten Stolz, wenn ich mich gewollt ungezwungen in der Freizeit mit Priscilla bewege, in der Öffentlichkeit, im Township (umgekehrt geht es ihr gleich). Und doch, ich kenne auch die Risse im Vertrauen, den Zweifel, der aus Missverständnissen entspringt. Ein ausgeliehenes Kleidungsstück ist noch nicht zurück, die Früchteschale so schnell und plötzlich leer, Schulden bleiben lange ungetilgt. Mein Herz ist zu klein, es nicht zu bemerken, auch mein Herz kennt den Verrat. Sie sind halt anders; so schnell gedacht, doch nie im rechten Moment. Wie dankbar bin auch ich für echte Begegnungen; wie froh bin ich, wenn ich mich getraue, meine blinden Hände auszustrecken.

“We are betrayed by what is false within.” George Meredith.

Und die Schweiz, Europa, der Westen? Es sind die gleichen Fragen, die wir ignorieren, das gleiche Paradox, dem wir begegnen. Wie sind wir eins mit Menschen und Nationen, die wir nicht verstehen? Welche Konsequenzen wollen wir tragen, die der Veränderung oder die des Stillstands?

* In diesem Artikel sind ausnahmsweise mit “schwarz” alle nichtweissen Bevölkerungsgruppen gemeint.

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2 Antworten zu Mein kleines Herz

  1. Kaspar Eigenmann sagt:

    Deine Ueberlegungen geben viele Denkanstösse, nicht nur für Südafrika. Ich habe heute in der NZZ das Interview mit Nadine Gordimer und den Artikel über ihr neues Buch („Keine Zeit wie diese“) gelesen. Vieles was Du hier sagst, klingt, wenn auch aus anderer Perspektive auch im Interview an. Link zum Interview: http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur/die-lady-mit-dem-loewenherzen-1.17653603 und zur Buchbeschreibung: http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur-und-kunst/das-falsche-ende-des-regenbogens-1.17651433

    • Kathrin sagt:

      Ich habe dieses Buch von Nadine Gordimer (noch) nicht gelesen, mag aber ihre Texte sehr. Sie sind von der Struktur her ganz anders als Rian Malan’s; er ist Journalist und sie Schriftstellerin; inhaltlich werden aber sehr ähnliche Dinge angesprochen. Was ich vielleicht erst bei Malan gelernt habe, ist, dass die Gewalt unter Schwarzen kein neues Phänomen ist, sondern während der Apartheid bereits ähnlich besorgniserregend war wie heute. Er zeigt auch auf, wie dies von westlichen Medien gerne unter den Tisch gekehrt wurde, weil es nicht ins Schema von den „bösen Buren“ und „unterdrückten Schwarzen“ passte. Erst mit der Verurteilung von Winnie Mandela und ihrer Entourage kam da einiges ans Licht. Wie immer ist die Realität komlexer, als wir durch den Medienfilter erfahren.

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