Reichtum

Höhepunkt des Abends: die Feuertänzer sind da. Schwarz gekleidet, helle Haut im Flammenlicht, die Haare festgebunden, Gesichter konzentriert und verschlossen, nach innen gekehrt. Die hypnotisierenden Trommeln ziehen das Publikum an, mich nerven die langhaarigen Musiker, ihre langen grauen Arme stossen mich ab, ihr Blick ins Nichts erzählt von einer Leidenschaft ohne Launen, sie machen Musik weil sie es können. Ungerecht bin ich an diesem Abend am Night Market der Waldorfschule. Ungerecht zu den Menschen, die hier Abschalten wollen, sorgenlos Freizeit  verbringen; angstfreie Zonen für ihr Kind suchen. Es ist eine Nacht der Blicke; Bekannte wenden sich ab vom Bethesda-Stand; nur jetzt nicht schon wieder über die Armen reden, nur jetzt nicht schon wieder Geben, lass mich in Ruhe, lass gut sein, ich bin müde, sagen sie mir. Besorgt beobachte ich Matilda; ihre Augen strahlen, lassen den Rollstuhl, die belegten Zähne vergessen. Richard schützt nicht nur seine verkrüppelte Hand im Ärmel, ich kann nicht erkennen, was er über unsere Grenzüberschreitung denkt.

Rauchend sitzen wir beim Kaffee; das runde Tischchen balanciert Laptop, Notizbuch und Aschenbecher; ab und zu verbläst der Wind ein Blatt. Vanessa erzählt mir von früher, als sie noch kein Recht hatte, in Hout Bay zu wohnen. Ihre Geschichte spielt in den umliegenden Hügeln, an der Uni, in Canada; die Episoden sind jünger als ich; kein Kind war ich mehr, als Madiba das neue Südafrika gebar. Ich erzähle von heute, über das was ich sehe; immer wieder erkläre ich mich selbst; es ist mir wichtig, erkannt zu werden. Und doch, den überschwänglichen Dank wisch’ ich vom Tisch; peinlich berührt, in mein eitles Spiegelbild blicken zu müssen. Als Mitbringsel ein Dutzend Eier, eine Packung Zigaretten, Zugang zum Internet, das Essen bezahlt; wie stark hängt die Menge der Gaben vom  Dank ab, den mein Herz erträgt?  Die Schönheit des Gebens nur eine matte Freude angesichts der Bedürfnisse. Ich bin dankbar um Vanessas offenes Herz, sie spürt wie’s mir geht, auch sie war mal reich. Und mit der neuen Freundschaft vermisse ich die alten, ein wenig mehr als sonst.

Entspannt fläze ich auf Portias Sofa; das Bier in der Hand, das Kleid verrutscht, nebensächlich, weil ich eins bin mit der Welt, seelig, bierseelig. Aphelele feierte seinen Übertritt vom Kindergarten zur Schule – vier Stunden sassen wir in der feuchtheissen Luft der Mehrzweckhalle von Imizamo Yethu. Angenehm kühlt das Bier mein wundes Herz; ein Nachhall der Ergriffenheit schwingt noch leise darin. Laut mag ich lachen in dieser Frauenrunde, auch Weinen fiele mir leicht. Gerne spüre ich warme Haut an meiner. Zusammen zeigen wir dem Unrecht eine lange Nase; zusammen, gemeinsam lachen wir es weg. Endlich lass’ ich das Denken sein – oder fast: erst später wieder, nüchtern, frag ich, ob ich dem Sozialkitsch verfalle.

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