Balance

Erinnerung an Biel: Der Wind rauscht in den Blättern, mein Herz pumpt Blut am Ohr vorbei, es schlägt einen schnellen Takt. Nach dem raschen Lauf fällt mir das Schweben schwer, der hölzerne Balken ist schmal. Ich finde Ruhe in der Standwaage, erst wackelt’s noch, dann hält’s: zehn Sekunden Balance, dann nochmals zehn auf dem anderen Bein.

Vor drei Wochen ertappte ich mich beim googlen – Helfersyndrom und Burnout meine Schlagworte. Müde fühlte ich mich, auch ausgelaugt, mein Leben fuhr auf sieben Schienen. Fahrig sprang ich von einem Gleis auf’s nächste, die Angst vor der Abstumpfung machte mich unruhig. Daneben hockte mir das Pflichtgefühl im Nacken, dieses Duo lässt mich nicht so schnell heim nach Biel; auch die Seele mag es, gebraucht zu werden. Nie im Leben hatte ich Lust auf Balance, jetzt will ich sie finden, und die Ruhe, die sie mir bringen kann.

Neue Freundschaften rufen mir alte in Erinnerung, ich vermisse sie, die Freunde, mit denen mir die Balance natürlich erscheint. Laut dröhnt die Musik, das Bier fliesst reichlich mit Portia und Priscilla in der Shebeen. Vertraut ist die Ausgelassenheit, das Tanzen, das Lachen – fremd die Gerüche, die Sprache, der Stil. Sonntagnachmittag bei Emily und Alistair, alte Jazzplatten untermalen unsere Worte, die Kinder plantschen im Pool. Vertraut sind die Themen, die Klänge, das Essen – fremd die Besonnenheit, der Ausgleich, die Balance.

Der Schnelltest im Internet beruhigt erstmal – das Helfersyndrom gehört nicht in mein Portfolio. Auch kein Burnout lauert um die Ecke. Nur das Herz, das Herz springt von Fleck zu Fleck und flattert manchmal etwas ängstlich. Passe ich wieder in meine alte Schweiz? Wieviele Freundschaften lassen sich schliessen, in einem Leben? Wen muss ich zurücklassen, wer lässt mich gehen, oder zieht selbst? Ab und zu spüre ich: es gibt kein zurück, die Jugend ist vorbei –  das Leben, die Jahre ziehen in’s Land – ich mag es, älter zu werden.

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Eine Antwort zu Balance

  1. Lisa sagt:

    ach Kathrin, jetzt würd ich sehr gern mit dir ein Bier trinken, eine Zigarette rauchen und uns von einer Braaiglut hypnotisieren lassen…
    Lass dir doch auch etwas Zeit, diese Menschen und Erfahrungen Teil von dir werden zu lassen. Die Balance zwischen zwei Kontinenten zu finden ist nicht gerade ein Katzensprung! allerliebste Nebelgrüsse

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