Ersatz

Die Schule hat wieder begonnen – und damit die Zeit, in der ich zweimal täglich um die grünen Hügel von Kapstadt kurve. Die Gedanken mäandrieren mit der Strasse, lösen sich mit Schwung aus einer der unzähligen Serpentinen und führen mich ins Ungewisse.

Ab und zu male ich mir Bilder für die Zukunft, versetze mich in Rollen, die ich füllen könnte. Autorin, Künstlerin in einem Kollektiv, ganz dem kreativen Schaffen verschrieben. Leiterin von Kindernachmittagen im Freien, wo biodynamisches Gärtnern, Kochen auf dem Feuer, Bauen, Graben und gemeinsames Planen geübt werden, als Wegweiserin für die nächste Generation. Politikerin, die unbestechlich und mit ganzem Herzen für die Gesellschaft eintritt und nicht verkennt, dass es die Sachpolitik nur gibt, um menschliche Anliegen zu lösen. Geschäftsleiterin einer Firma, die ein gutes Produkt fair und nachhaltig produziert. Sängerin, in der coolsten Band von Biel. Na ja.

Ich habe Lust, mich mit Leib und Seele einer Aufgabe zu verschreiben; zu wissen, dass ich das Richtige tue, wie damals, als ich wirklich jung war. Oder wie Persönlichkeiten, die Grosses vollbringen, Frieden stiften, oder Menschen heilen; die auch ausblenden können, denen die Unterscheidung von Wichtigem und Unwichtigem leicht fällt. Ich glaube nicht, dass ich mich gleich dieser Lust hingebe; Zweifel und Fragen bleiben meine geliebten Gefährten – im Moment ziehe ich sie dem kompromisslosen Einsatz  vor. Vielleicht bleibt mir die heutige Rolle der Sinnsucherin ja noch ein Weilchen – und trotzdem; Aufgaben und Erfolge locken mich sehr.

In weichen Morgenstunden, allein, überfällt mich manchmal der Wunsch, aus finanziellen Gründen arbeiten zu müssen. Die Sinnfrage würde damit zumindest teilweise entkräftet – an der Dringlichkeit der Mittelbeschaffung zweifle ich nicht. Im Luxuskäfig der Freizeit widme ich mich gerne Tätigkeiten der Selbstversorgung – ein Aussteigen im Kleinen. Die Produkte, die beim kochen, handarbeiten, gärtnern oder imkern entstehen, machen keinen wirtschaftlichen Sinn. Aber sie tragen eine Bedeutung in sich; sie sind der Ausdruck  einer Liebe zur Arbeit, zur Verbundenheit, zum Miteinander und zur Natur. Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieses Rückzugs ins Private steche ich schollenweise mit dem Spaten ab, vertreibe sie mit einem klebrigen Schleck aus dem Honigtopf oder einer warmsüssen Himbeere, am Gaumen zerdrückt. Sinn macht, wenn mein Herz singt.

Ist dies meine Therapie, das Werkeln in der Natur, das Kultivieren und Verarbeiten, auch das Handarbeiten? Sind es Ersatzhandlungen, um die unbeantwortete Sinnfrage zu kompensieren? Sie bedeutet mir viel, diese Kontaktaufnahme mit der Natur, auch mit dem Gegenständlichen, den Gegenübern des Menschen. Und es ist nicht immer klar, wer sich wen zu eigen macht.

Mir gefällt es, wie an der Waldorfschule unserer Kinder das Leben, die Gemeinschaft, auch das lernende Lehren im Vordergrund stehen. Abends sind ihre Körper müde, ihre Kleider dreckig, ihre Stimmen voller Lieder und Gedichte, die Geister erfüllt und glücklich.  Vielleicht werden auch unsere Kinder später, mit dieser Basis, ihr Heil in der Verbundenheit mit dem Gegenüber suchen?

Bisweilen fehlt mir in dieser Blase die Luft zum Atmen; wo eine schillernde Seifenschicht das Böse und den Schmutz verbannt und ihnen nur gezähmt durch Geschichten Einlass gewährt. Wenn die Ästhetik; das Gute, Lichte und Leichte rigide zur Regel werden. Zu sehr passt die Schule dann in die reiche Ersatzwelt von Kapstadt – in diesem Moment tönt der Ruf der Zweifel mir wie ein Jagdhorn im Ohr. Ta-taaa!

Und ich weiss wieder, dass mein Herz schnell heiser wird, wenn es zu viel singt. Das ich den Herzhusten brauche, genauso wie den Regenwurm, der sich schutzlos rosa auf der Erdscholle kringelt.

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4 Antworten zu Ersatz

  1. mikeinhawaii sagt:

    Vielleicht würde dir das zusagen:
    http://www.slowfoodfoundation.com/pagine/eng/orti/cerca.lasso?-id_pg=30#risultati
    Ich kenne das Gartenprojekt nicht im Detail, aber Slow Food hat am letzten grossen Meeting die Parole ausgegeben, es sollen nicht tausend, sondern zehntausend Gärten werden;-)

    • Kathrin sagt:

      Sieht spannend aus, ich kannte das Projekt bis jetzt nicht. Eine Bekannte von mir hat vor, einen Gemeinschaftsgarten hier in Hout Bay zu realisieren – ich leite ihr den Link auf jeden Fall weiter, danke!

  2. Esther Serrallach sagt:

    Liebe Kathrin,
    zuerst „e guets Neus“ Dir und Deiner Familie!
    Gerne lese ich immer wieder was Du schreibst! Ich beneide Dich ein wenig um die Imkerei, ein Projekt, das ich seit Jahren vor mir her schiebe! Aber ich freue mich über Deine Gedanken, die mir immer wieder zeigen, dass Du auch eine Tiefe, eine grosse Neugierde hast und eine Suchende bist! Schön! Bewahre Dir das Dein Leben lang, egal was Du machst, erfülle das, was Du machst immer mit Liebe und bleibe weiterhin neugierig und auf der Suche nach dem Sinn des Lebens! Ich freue mich auf weitere Gedanken von Dir!
    Ganz liebe Grüsse aus Pratteln Deine Esther

    • Kathrin sagt:

      Liebe Esther

      Es freut mich, dass du gerne in meinem Blog liest! Ja, die Imkerei, die macht mir Freude. Mit nur einem Bienenschwarm gibt es zwar nur wenig zu schlecken, aber auch fast nichts zu tun. In der Schweiz mchte ich unbedingt weiterfahren damit, allerdings befrchte ich, dass mir Varroa oder vielmehr die Pestizide und Co. die Freude ein wenig verderben…we’ll see. Empfehlen kann ich die Imkerei als Hobby – oder sonst auf jeden Fall den Film „More than Honey“ von Markus Imhoof!

      Herzlichst Kathrin

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