Heilung

Bereits auf der Einfahrt hören wir Trommeln, der Weg durch den Garten führt uns am Wasserspiel vorbei zu einer angenehm beschatteten Terrasse. Blätter schmeicheln dem senkrechten Licht, hellgrün und warm; im Kreis sitzen etwa zwanzig Personen.zuludrum

Unser Willkommensgruss wird in fremder Sprache erwidert, eine Frau gibt uns Tücher und zeigt, wie man sie um die Hüfte schlingt. Einen Moment lang stehen wir unbeholfen im Weg,Tänzer und Tänzerin drängen sich rufend an uns vorbei, in die Mitte. Schnell setzen wir uns auf eine freie Bank; Nina, Moritz, Matti mit grossen Augen, und ich wohl auch.

Fünf oder sechs Trommeln finden sich in  einfachem Takt, eine Frau und ein Mann tanzen und singen, der Kreis gibt Antwort als Chor. Der Rhythmus schneller Schritte wird durch Beinschellen betont, er trägt eine Tiermaske; sie eine Ritualpeitsche aus Haaren. Ich bemerke den bekannten Klumpen im Hals, auch die eher ungewollte Rührung, die mich bei urtümlichen Trommelklängen und spürbarer Hingabe überfällt.

Die beiden Tanzenden knien sich vor jemandem hin, sie schnaufen schwer und reden im Singsang; eine afrikanische Sprache, English und auch Deutsch höre ich. Immer wieder Rufen und Schreie dazwischen, der Atem rasselnd und pfeifend, noch selten habe ich Menschen derart in Anstrengung gesehen. Der Klumpen hat sich längst gelöst und ich rätsle  mit den Kindern, was das ganze bedeutet.  Nina glaubt, sie bitten um Regen. Vielleicht etwas vom Schönsten an diesem Nachmittag, dass man Reden und Lachen und Essen darf während den Sangoma*-Tänzen.

Die meisten Mitglieder der Gruppe sind Frauen, aber auch Männer sitzen und tanzen und trommeln hier. Würde ich gefragt, wer ich bin, würde ich wohl antworten: „Touristin“. Bloss ein paar Minuten, und diese kleine Welt erreicht mich nur noch durch die Trommeln. Neugierig schaue ich umher, lasse die Gedanken schweifen. Was bringt weisse Südafrikanerinnen, Europäer, Schweizerinnen dazu, sich in Perlschnüre zu kleiden, mit Fellen zu schmücken und sich einer fremden Kultur hinzugeben? Wen heilen sie, und wovon? Suchen sie das eigene Heil, oder die eigene Heilung durch das Heilen? Was verschliesst sich in mir, beim miterleben des Tanzes? Der Ahnenkult sagt mir nichts, ich mag auch niemanden beschwören, schon gar keine Geister, in fremder Sprache. Die Befreiung des Tanzens und Singens kenne ich, aber der Moment davor, das Umkleiden, der lässt mir keine Ruhe. Mir verkäme es zum Karneval. Können sich diese Menschen daheim fühlen in einer Kultur, die für sie keine Tradition ist? Bis jetzt habe ich die Trachten nur auf schwarzer Haut gesehen, ich kann nicht anders, als die ästhetischen Unterschiede zu bemerken. Aber was kümmert mich die Hautfarbe, weshalb spielt sie mir hier eine Rolle? Touristin stimmt für mich, einen anderen Blick kenne ich heute nicht. Matti schläft selig in meinem Schoss, Moritz ist in seiner eigenen Trance und Nina will nach einer Stunde weiter, auch sie hat Eindrücke gesammelt, ohne loszulassen.

*traditionelle Heiler

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