Don’t you want to stay in South Africa? – oder: Heimat, zweiter Blick

„Don’t you want to stay in South Africa?“, werde ich ab und zu gefragt, wenn ich die Befristung unseres Aufenthalts erwähne. Bis jetzt tat ich mich schwer mit einer Antwort, holte aus, erklärte wortreich oder beispielhaft den Begriff Heimat – der in seiner deutschen Eigenart kaum zu übersetzen ist. Heute früh fiel mir der Bichsel-Satz wieder ein, den ich in einem anderen Post schon zitiert habe: „Heimat ist da, wo ich meinen Ärger habe.“ Auch zum Wort „Ärger“ gibt es kein englisches Pendant, aber die Kombination von „worry“, „troubles“ und „annoyance“ ergibt wohl den richtigen Farbton.

Meinen Ärger verorte ich gerne in der Heimat, denn ich vertraue darauf, der Schweiz auch im Argen willkommen zu sein – ich bin ja schliesslich Schweizerin. Wie das Kind, das sich auch nach dem Regelverstoss der Liebe seiner Eltern sicher sein kann, weiss ich, dass sich die Mitgliedschaft zum „Club Schweiz“ nicht so leicht lösen lässt. Einerseits, weil ich selbst die Schweiz als Heimat betrachte; andererseits aber auch, weil andere mich als Schweizerin anerkennen.

Heimat ist also auch da, wo andere mich – trotz etwaigem Ärger – als dazugehörig annehmen. In Südafrika habe ich zweite Heimaten gefunden. Im Gespräch mit einzelnen Eltern und Arbeitskollegen, wenn uns ähnliche Ideale zu einer Gemeinschaft zusammenfassen. In der Landschaft des Kaps, die wir Hügel um Hügel erwandern. Manchmal in Hangberg, wenn mein Engagement als wichtiger erkannt wird als meine auswärtige Herkunft. Ab und zu ganz wunderbar in Imizamo Yethu, wenn unter Frauen Freundschaft und Solidarität unabhängig der Hautfarbe aufstrahlen.

Ich habe in Südafrika Heimaten gefunden wie Splitter, kantig und scharf und zerbrochen; genauso segregiert wie die Gesellschaft. Das Land ist bis jetzt keine Heimat geworden, vielleicht bringt mehr Zeit den nötigen Kitt, um aus den Splittern ein Ganzes zu formen.

Wieviel Heimat bietet die Schweiz? Ich bin gespannt, was ich nach der Rückkehr konkret an der Schweiz verändern möchte. Meine Heimat soll Fremde dazu animieren, unseren worry, unsere annoyance und unsere troubles zu den ihren zu machen. Gleichzeitig soll sie das Gleiche im Fremden suchen; die Menschen als dazugehörig annehmen. Dann wird sie zur Heimat.

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