Wer hat Angst vor dem bösen Wolf?

Nicht ganz unerwartet schlüpft auch heute wieder ein kleines Nachtgespenst zu mir ins Bett: Matti läuft mit Siebenmeilenstiefeln durch’s Leben und lässt uns tagsüber weit hinter sich – des Nachts braucht er umso mehr Nähe und Gemeinsamkeit. Auch selbst suche ich in dieser Nacht den tiefen Schlaf vergeblich. Wie so oft, wenn ich mit den Kindern alleine bin, halten mich die überwachen Nerven an der Oberfläche – jedes Geräusch wird registriert und gewertet.

Die Kriminalität in Hout Bay ist hoch – nicht erstaunlich bei der weit offenen Einkommensschere. Etwas über 50’000 Menschen leben hier, ähnlich wie in Biel. Im Jahr 2012 wurden in Hout Bay 9 Morde, 19 versuchte Morde, 47 Vergewaltigungen, 176 schwere Körperverletzungen, 194 einfache Körperverletzungen und 178 Raubüberfälle (75% davon mit Körperverletzung) gezählt. Einige dieser Zahlen sind ähnlich wie die für den gesamten Kanton Bern (992’000 Einwohner); zusätzlich würde ich davon ausgehen, dass die Dunkelziffer in Südafrika höher liegt als in der Schweiz.

Habe ich Angst, in diesem Umfeld? In der Regel nicht bewusst. Ich fühle mich weniger ausgestellt als vor einem Jahr. Es macht mir keine Sorgen mehr, wenn ich in Hangberg Menschen um Hilfe bitten muss, um (wieder einmal!) meine Autobatterie zu überbrücken. Mein Schlaf ist normalerweise tief, und die Lektüre der wöchentlichen Kriminalstatistik verfolgt mich nur in Ausnahmefällen. Im Verdrängen kann ich’s mit Rotkäppchen aufnehmen.

Und doch, der Tiefschlaf blieb fern. Die Gefahr war nicht höher als sonst, nur liess sie sich nicht teilen. Die Erwartung, Verantwortung übernehmen zu müssen, hielt mich im Wachschlaf – nicht der mangelnde Schutz durch den Mann. Dazu die Furcht, das Schicksal nicht mit Michi zu teilen – halt eben die existentielle Angst, alleine zu sein im Leben, dann wenn’s drauf ankommt.

So teilten Matti und ich nicht nur das Bett, sondern auch eine dunkle Seite der Menschlichkeit miteinander – und wärmten unsere Seelen herzhaft aneinander. Gerne werde ich das übersteigerte Verantwortungsgefühl in Südafrika zurücklassen. Mitnehmen möchte ich vielleicht mehr Interesse für jene, die sich in der Schweiz fürchten – nicht weil ich ihre Bedenken teile; im Gegenteil, weil ich diese Übersteigerung für schädlich halte, für die Gesellschaft und für den Einzelnen.

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