…mais il faut cultiver notre jardin.

Die Stadt liegt mir zu Füssen, ausgebreitet von einem Teppichhändler, der mir nur die schönste Ecke zeigt. Zwei Schornsteine als Scherenschnitt, wenige Fenster glänzen durch den hellgrauen Hauch des Morgensmogs. Die Sonne wärmt mein Gesicht, die Vögel zwitschern nahe am Ohr, ich rieche das taunasse Gras. Für einmal will ich nicht über die Gerechtigkeit, nicht über die Freiheit hier und dort und heute oder damals nachdenken. Oder doch, aber die Blumen, die Bäume und Vögel sollen mir helfen, universell zu bleiben.

Gerhard Meier, Schweizer Schriftsteller aus Amrein oder Niederbipp, ist so ein Universeller. Er fand die Welt in der Provinz, in seiner Frau Dorli, in seinem Dorf, in seinem Garten. Die Spannung zwischen dem kleinen Mann und dem, der Grosses vollbringt, die interessierte ihn. Zwischen den Zielen und Taten, die vollbracht sind, und dem Alltag, der gelebt wird.

„Mais, mon révérend père, dit Candide, il y a horriblement du mal sur la terre. – Qu’importe, dit le derviche, qu’il y ait du mal ou du bien? Quand Sa Hautesse envoie un vaisseau en Egypte, s’embarasse-t-elle  si les souris qui sont dans le vaisseau sont à leur aise ou non? – Que faut-il donc faire? demande Pangloss. Te taire, dit le derviche. – Je me flattais, dit Pangloss, de raisonner un peu avec vous des effets et des causes, du meilleur des mondes possibles, de l’origine du mal, de la nature de l’âme, et de l’harmonie préétablie. Le derviche, à ces mots, leur ferma la porte au nez.

(Voltaire: Candide)

Und Candide kehrt nach Hause, in seine Métairie bei Konstantinopel, um den Garten zu pflegen. Seine Entscheidung ist keine Abkehr von der Welt, kein Ausstieg, vielmehr eine Hinwendung zur Gemeinschaft, zur Arbeit, zum Einsatz für das, was ist. Der Garten, Treffpunkt von Örtlichkeit und Universum, Versprechen von Transzendenz und Verbundenheit,  Erfahrung von Macht und Unterwerfung zugleich ist auch in Meiers Leben zentral.

Aufmerksamkeit, Anteilnahme, Achtsamkeit. Diese Worte fallen mir ein, als ich den Film über Gerhard Meier schaue. Sie haben Hochkonjunktur in Buddhismus-Seminaren für entfremdete Manager, erfolgsverzogene Promis und jederfrau. Das Fokussieren auf den Moment, auf das Hier und Jetzt – vielleicht ist das Schreiben meine Übung dazu, das Niederschreiben von allem, was mich durchdenkt.

Ich höre das Summen der Bienen nicht, die neben mir Nektar sammeln, zu nahe ist die Stadt. Aber ich sehe sie und kenne ihren Laut und kann ihn mir vorstellen – ist das die Qualität, die ich für’s Schreiben brauche? Ein Kinderspiel, so scheint es. Dazu die Fähigkeit, die Tasten des Computers in Reihenfolgen zu betätigen, auch das noch kein Kunststück. Ich habe den Willen zum Ausdruck, ich bin der Sprache mächtig und doch – finde ich es in mir, das Schreiben? Das Dunkel als Voraussetzung, um Licht zu schaffen?

What is your desire? Darüber nachzudenken lautet die Empfehlung der Philosophen. Zum Glück ist das Deutsche sperriger als die gefällig-glatte Frage in Englisch: dahinter verbergen sich die Lust, die Sehnsucht, der Wunsch, das Begehren, die Begierde, das Verlangen und das Wollen. Gärtnern scheint in keinem Fall die falsche Antwort.

Eine schnatternde Gruppe Touristen zieht vorbei, bleibt einen Moment stehen. Ihr Lärm meint nicht mich, ist deshalb Begleitmusik, ein vorwitziges Instrument im Orchester von Kirstenbosch.

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