Reizlos in den geistigen Ruhestand

“Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. Was unser Sepp so erzählt: Kindheit bei Köhlern im Wald, Waisenhaus, Zirkus und so. Aber die beste und sicherste Tarnung (finde ich) ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.”

Max Frisch, Biedermann und die Brandstifter

Neueste Vehikel der zweitbesten Tarnung: Triggerwarnung, Splats und Wortkonstrukte wie das N-Wort. Ursprünglich ein Warnhinweis in Internetforen, um Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen vor möglichen Auslösereizen zu schützen, hat die Triggerwarnung den Sprung in den Alltag geschafft – auf dass wir uns gleich heute in den geistigen Ruhestand abmelden. Über Splats lesen wir alle müh*l*s hinweg. Als Bestätigung der Notwendigkeit von Ersatzwörtern wird von gewissen Gruppen gerne die eigene Reizbarkeit inszeniert, wie unlängst im taz.lab geschehen. Der Moderator Deniz Yücel zeigt auf, wie sich mit vermeintlicher Empfindsamkeit Ideologien tarnen lassen.

„Die Kränkung, die diese Leute empfinden, wenn in einem historischen Text das Wort „Neger“ fällt, ist echt. Aber der Trick ist: Man tut so, als sei die eigene Meinung unmittelbar von der Hautfarbe abgeleitet. Man maximiert das Ich, unterschlägt aber, dass zu diesem Ich eine Weltsicht gehört, die für die Deutung von Begriffen und Sachverhalten ungleich wichtiger ist: Ich fühle mich von dem Wort „Negerlein“ in einem 50 Jahre alten Kinderbuch so verletzt, weil das meinem Weltbild entspricht. Es geht nicht um Gefühle, es geht um Ideologie.“

 Deniz Yücel, Moderator taz.lab (vollständiger Text im Link)

Die Aufregung der einen wird zum Weichspüler der anderen. Die Sprache wird vergewaltigt, um vermeintlich die Realität zu zähmen: risikolos treiben wir mit Triggerwarnung und N-Wort durch seichte Gewässer. Alles Schlechte, Hässliche, Verwerfliche wird unsagbar, oder zumindest vorhersagbar, in Watte verpackt. Daran ist grundsätzlich nichts Neues…

Schau, dort spaziert Herr Biedermeier

und seine Frau, den Sohn am Arm;

sein Tritt ist sachte wie auf Eier,

sein Wahlspruch: Weder kalt noch warm.

Ludwig Pfau, 1847

Fragwürdiges, Unlösbares und Differenziertes versandet damit in der Beliebigkeit. Jedem Reiz wird die Kante geschliffen, manche Frage erstickt an der Forderung nach Rücksicht. Die posttraumatische Belastungsstörung wird zum Ideal einer hyperkorrekten Gesellschaft – die Triggerwarnung mäandert dabei zwischen psychohygienischer Krücke und Schafspelz der Gleichgültigkeit. Offenheit für Auseinandersetzung fehlt gleichermassen;  bei denen, die aus Angst, die Welt zu kränken, der borniert-defensiven Babette Biedermann nacheifern wie bei jenen, die sich abschliessend als Opfer inszenieren, um die Wahrheit für sich zu reklamieren. Beide wollen letztlich einfach mit ruhigem Gewissen als gut erscheinen, ohne etwas zu verändern – und nur ja nicht sich selbst dabei auf die Schliche kommen.

„Jede menschliche Antwort, sobald sie über die persönliche Antwort hinausgeht und sich eine allgemeine Gültigkeit anmaßt, wird anfechtbar sein, das wissen wir, und die Befriedigung, die wir im Widerlegen fremder Antworten finden, besteht darin, daß wir darüber wenigstens die Frage vergessen, die uns belästigt – das würde heißen: wir wollen gar keine Antwort, sondern wir wollen die Frage vergessen. Um nicht verantwortlich zu werden.“

Max Frisch, Tagebuch 1946 – 1949

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