Karoogedanken

Begegnen

Auf einer Farm bei Ladismith: Bernett der Farmer ruft seinen Jungen „boy“, dieser Antwortet mit „yes, father“, wie es auch bei uns früher üblich war. Unter Schwarzen spricht man auch Wildfremde mit Bruder, Schwester, Onkel, Mutter oder Sohn an, um die jeweilige Beziehung untereinander auszudrücken. Manchmal empfinde ich diese Akzentuierung der gesellschaftlichen Vernetzung, die Abschwächung der Individualität durch den Nicht-Gebrauch des Eigennamens angenehm.

Lesen

Mittelreich“ von Josef Bierbichler. Ein monumentaler Roman über Deutschland im letzten Jahrhundert. Früher war den Menschen auch nicht klarer, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten. Wie die Kunst, das Gärtnern, das Schöne ohne äusseren Zweck zu rechtfertigen sei. „To praise the Lord“ gilt heute vielen Menschen nicht (mehr) als Grund, zu singen, zu malen, zu dichten, schöne Kleider zu tragen oder sich an Blumen zu erfreuen. Gesundheit an Leib und Seele will durch kreativen Ausdruck erreicht werden, mir selbst genüge ich als Grund meist nicht.

Schaffen

Der moralische Drang, Dinge zum Nutzen der Allgemeinheit zu tun, lässt sich oft nur schwer abschütteln. „Was unterscheidet d’Mönsche vom Schimpans?“ Auch die Hemmung, die uns eher arbeiten lässt als einfach der Sonne beim Auf- und Untergehen zuzuschauen, um für ein paar Minuten, Stunden oder Tage die leidenden Artgenossen zu vergessen. Brauche ich die Struktur und die Glaubenswelt eines WWF oder eines BAFU, um Sinn bei der Arbeit zu erfahren? Beim Schreiben am Buch hatte ich nicht oft diese Hemmung, aber jetzt stehe ich zu sehr im Leben, um es abzuschliessen. Mir fehlt die Konsequenz der Existenzialisten – oder auch der äussere Druck, der mich als Dienstleisterin vorantreiben würde.

Reisen

Die Morgenluft ist kühl in der Karoo, nur Sonnenstrahlen schaffen Wärme auf der Haut. Gnadenloser Wind und gleissende Helle erinnern an Skiferien in der Schweiz. Im Greyhound-Bus zwischen Beaufort West und Cape Town, dem Regenfrühling entgegen, ist es kühl und gedämpft, angenehm. Nur einmal geht ein Ruck durch unsere Gesellschaft, bei De Doorns sehen viele zum ersten Mal im Leben Schneeberge. Wir nähern uns Cape Town, der Frühling gewinnt an Sicherheit und verbreitet Zuversicht. Der Chauffeur will ankommen, wie auch die Reisenden, auf dem Bildshirm erscheint die Aufschrift „Excesso de velocidade“.

Beobachten

Der Pavian thront auf einem Felsvorsprung oberhalb der Strasse, schaut hinunter nach Kapstadt wie der Alp-Öhi ins Tal; als wisse er vom besseren Leben am Rande der Menschheit. „Und mir gehört sie doch, die Welt, mir kann sie nicht genommen werden.“

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