Rwanda Top 5

Rwanda Lakes and Hills

Vincent und die Anderen
„Hello“ – „What’s your name“ – „Where you from“ – „What’s your church?“. Vincent stolpert stellvertretend für Viele bei einem Halt aus dem Gebüsch auf einer kurzen Wanderung fast an der Grenze zum Kongo. Auf dem Kopf ein Benzinkanister von vielleicht 20l gefüllt mit Wasser, verschlossen mit einer grünen Banane als Pfropf. Trotzdem rempeln wir uns links und rechts mit den Schultern an zur Begrüssung. Gerne gebe ich Antwort und bevor unsere Wege sich wieder trennen sprechen wir über Fussball, natürlich. Vincent, vielleicht 14, hat ein kleines Team unten im Dorf, aber „unfortunately, no ball.“ Er sagt das bedauernd aber nicht fordernd, es ist halt so. Zuletzt will er noch ein Photo, und schreibt auch gleich die email-Adresse auf an die es zu senden sei. Die vielen vielen Leute in Rwanda sind freundlich und aufgeschlossen, immer ergibt sich sofort ein Gespräch. Nie auf Französisch, das hat die Regierung verbannt aus Zorn auf die Franzosen, die für ihre unrühmliche Rolle beim Genozid keine offizielle Reue zeigen wollen.

Vincent
ZACK!
Schnell geht alles, in Rwanda: Die Einreise, Geld wechseln, der Service, der Verkehr auf guten Strassen. Das Internet ist so schnell wie in der Schweiz, und auch im hintersten Chrachen klappt der Handyempfang problemlos. Die Schweiz Afrikas, und die Regierung gibt sich mit Erfolg Mühe, diesem Ideal nachzueifern mindestens was die Effizienz, Pünktlichkeit und Sicherheit angeht. Nachts durch Kigali gehen, auch in dunkeln Ecken? „No Problem“ – das gab’s für mich noch nie in Afrika. Wer zu spät kommt für das wöchentliche Treffen der Gruppensparer zahlt 20 Rappen pro Minute. Abfall gibt’s keinen auf den Strassen – Plastiksäcke sind verboten. Jeder hier weiss: wenn ich mich nicht zusammenreisse und meine Aufgabe erfülle, dann erreichen wir nicht was vor einer Wiederholung der Katastrophe von 1994 schützt, Wohlstand für alle, quer durch alle Rassen und Klassen (von der Regierung alle offiziell verboten; und ob’s die je gab vor der Kolonialzeit ist auch nicht so klar). Dass es mit den persönlichen Freiheiten eher durchzogen ist, das nehmen alle gerne in Kauf.

Meeting
Les milles collines
So muss es im Tessin, auf Korsika, ausgesehen habe vor 150 Jahren: der steilste Hang der tausend Hügel bepflanzt mit Mais, Bohnen, Hirse und, vor allem, Bananen. Terrasse um Terrasse, und jeder scheint unterwegs zu sein mit einer Hacke, einer Machete oder einem Sack Essen. In den Bäumen hängen Bienennester, alle 6 Monate liefern sie Süssigkeit die sonst nur vom gekauten Zuckerrohr zu haben ist. Der Gurt, der dem Dorfältesten beinahe zweimal um die Hüfte geht zeigt, dass auch die lokale Elite nicht verwöhnt ist. Kleine Buben ziehen Ziegen am Strick über die Felder, ihnen ist ein Maulkorb aus Kanisterausgüssen umgebunden, wie Clowns sehen sie aus mit ihren roten Nasen. Über allem thronen die Vulkane des Virunga-Massivs, Jane Goddall liegt da begraben und ihre Gorillas ziehen noch immer durch die Regenwälder. Es fällt schwer zu glauben, dass hinter den Bergen nicht einfach ein weiteres bukolisches Idyll liegt sondern die Hölle des östlichen Kongos, wo das Morden, Plündern und Vergewaltigen noch immer weitergeht. Der Konvoi UN-Blauhelme erinnert dann daran, auch wenn wir es sonst gerne vergessen.

milles collines

Brochettes
Ziegenfleisch, gekocht und dann auf Spiesschen gegrillt mit pikanter Sauce, vielleicht ein paar Tropfen Chiliöl. Dazu „Irish“ – so heissen hier die Kartoffeln – die besser schmecken als anderswo. Seit langem wieder ein kulinarisch positives Erlebnis in Afrika. Rwanda produziert gerade genug Essen, um über die Runden zu kommen, trotz fruchtbarster Vulkanerde. Aber es ist eben schwer, die Terrassenwirtschaft zu modernisieren und mehr Ertrag zu gewinnen. Und weil das Meer weit weg ist und die Strassen dahin schlecht und von Lastwagen verstopft zahlen die Rwander für alles Importierte Höchstpreise. Bis eine Ladung Zucker von Dar es Salaam in Rwanda ankommt ist sie doppelt so teuer wie in Dar, und die Fahrt dauert solange wie die Fracht von zB Brasilien nach Dar. Zum Industrialisieren ist der Markt zu klein, und die grossen Märkte im Kongo sind wegen Krieg geschlossen. Kein Wunder mischt Rwanda immer wieder mit, „friedensstiftend“, ohne den Markt im Westen wird aus der zentralen Funktion der Schweiz Afrika’s eine Sackgasse.

Bienen

Rwanda wird aber erst wirklich zum Wunder wenn man das Genozid-Mahnmal in Ntarama besucht.

Die Brochettes bleiben im Halse stecken wenn man durch das Kirchengelände geführt wird wo am 7. April 1994 5’000 Menschen getötet wurden und nur wenig verändert wurde. Die Schädel der Ermordeten sind aufgeschichtet, der Führer zeigt erbarmungslos und ohne Umschweife die Löcher der Hämmer (viereckig), Keulen (rund), die Spalten der Macheten und die dazugehörigen Waffen. Die Kleider liegen noch da wo sie waren als die Milizen die Kirche mit Granaten ausgebombt haben. In 50 symbolischen Särgen sind 5’000 Leichen versorgt. Die Holzpfähle, mit denen die zuvor vergewaltigten Frauen gepfählt wurden stehen noch in den Ecken. Als wir in der ehemaligen Sonntagsschule den dunklen , speckigen Flecken von der Grösse eines Badetuches sehen der vom Blut und der Hirnmasse der 150 Kinder herrührt, die dort, an den Füssen gepackt, an der Wand zu Tode geschmettert wurden laufen mir längst die Tränen über’s Gesicht.

Auf der Rückfahrt – den nahegelegenen Park wo 250’000 Leichen vergraben wurden lassen wir aus – frage ich den stummen Fahrer, ob es schwer sei für ihn diese Erinnerungen zu sehen. „No“, sagt er, „my father was killed but my mother survived. We must always remember,  but the best way to honour the dead is to look forward and build Rwanda rather than cultivate the divisions.“

Dass Rwanda, 20 Jahre nach diesem Schlachten, so gut funktioniert in dieser Region, und aus eigenem Antrieb, das ist der eigentliche Höhepunkt dieses Landes.

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